Marc Püschel: Hegel lesen. Ein praktischer Leitfaden

 

  1. Warum Hegel?

Gibt es eine Hegel-Renaissance? Der Ausdruck Renaissance wäre zwar fehl am Platze, denn wirklich tot war die Hegel-Rezeption in den letzten 200 Jahren nie, unbestreitbar allerdings steuert sie in diesen Jahren auf einen neuen Höhepunkt zu. Das liegt weniger an der Rezeption in Kontinentaleuropa, die besonders in Frankreich und Deutschland relativ konstant zu sein scheint, sondern vor allem an neuen Entwicklungen sowohl im angelsächsischen als auch asiatischen Raum. In England und den USA, insbesondere in der vorherrschenden analytischen Schule, war Hegel lange Zeit ein „toter“ oder besser „unverstandener Hund“, stellvertretend dafür mag beispielsweise die Verachtung, die Bertrand Russell ihm entgegenbrachte, stehen. Vermittelt unter anderem über die Einsicht, dass wer Kant sagt, früher oder später auch Hegel sagen muss (andersherum gilt es im übrigen genauso), gibt es aber gerade in den letzen beiden Jahrzehnten einen deutlichen Aufschwung in der Rezeption mit dem Ergebnis einiger sehr umfangreicher Werke über Hegel, etwa von Robert Pippin oder Robert Brandom. Auch von einer ganz anderen Seite her steigt das Interesse an dem großen Vertreter des Deutschen Idealismus wieder. Im Marxismus wurde Hegel zwar immer in Ehren gehalten, seine eigentliche Philosophie aber oft durch Vorurteile verdeckt. Nach 1989/1990 aber gibt es zunehmend Bemühungen, sich auch von marxistischer Seite wieder ein vertieftes Verständnis der Hegel’schen Philosophie zu erarbeiten. Wenn man es in Abwandlung seiner unsterblichen Metapher über die Entstehung von Philosophie sagen will: auch die marxistische Philosophie beginnt ihr Grau in Grau erst zu malen, wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden ist. Die Eule der sozialistischen Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. Der Untergang der Sowjetunion hat in der Tat einen neuen Schub in der gedanklichen Reflexion über die Grundlagen des Marxismus gebracht, denn viele oberflächliche Selbstgewissheiten gingen mit diesem Staat zugrunde. Gestützt wird diese Entwicklung durch die akademische Landschaft Chinas, welche im 21. Jahrhundert sowohl materiell als auch ideell zu der westlichen aufschließen, sie wahrscheinlich auch überholen wird (einen lesenswerten Bericht von Otfried Höffe über die deutsche Philosophie in China findet man hier). Anders gesagt: an Hegel führt – sowohl global als auch national – mal wieder kein Weg vorbei.

Wer sich diesem „Trend“ anschließen und Hegel studieren möchte, findet natürlich an jeder Universität Seminare dazu. Oftmals gibt es aber nur die beiden Extreme – Überblicksvorlesungen ohne praktische Hilfestellungen einerseits, Seminare zu jeweils nur einzelnen Texten andererseits. Dieser Artikel soll daher Hegel-Interessierten einen ersten praktischen Leitfaden an die Hand geben, um ihn selbst studieren zu können. Ein Überblick, der keine Einleitung in seine Philosophie sein soll, sondern wirklich auf das Selbst-Studium vorbereitet, hierzu praktische Hilfestellung bietet und den Blick weitet auf zusätzliche Quellen und Literatur. Meine Ratschläge sind sicherlich ein Stück weit subjektiv, speisen sich aber aus immerhin rund 10 Jahren Erfahrung mit der Hegel-Lektüre. Eine akademische Auseinandersetzung können sie keinesfalls ersetzen, für den ersten Einstieg sollten sie geeignet sein.

 

 

  1. Wo anfangen?

Der Königsweg beim Studieren eines Philosophen sind immer die Original-Texte. Das mag wie eine Lappalie klingen, ist es aber schon nicht mehr, wenn man sich ansieht, mit wieviel Sekundärliteratur, Kompendien und Readern an den Universitäten gearbeitet wird. Jede Sekundärliteratur und jede Text-Auswahl in Readern birgt allerdings die Gefahr, lediglich eine bestimmte Perspektive aus der Hegel-Forschung, oder schlimmer noch: aus der Hegel-Popularisierung, zu liefern. Im schlechtesten Falle liest man dann im Anschluß aus den Hegel-Texten nur noch die erstbeste Interpretation, die einem beigebracht wurde, heraus und achtet nicht mehr darauf, was Hegel selbst sagen will.

Gleichfalls gilt aber zu berücksichtigen, niemand kommt voraussetzungslos auf die Idee, Hegel zu studieren. Meist hat man schon verschwommene Vorstellungen von seiner Philosophie, weiß, es geht da um Dialektik, dass er der „Nachfolger“ von Kant oder der „Vorgänger“ von Marx war und solcher Dinge mehr. Fachkundige Einführungen können einem also immer helfen, zumindest die gröbsten Vorurteile zu beseitigen, wenn auch die Gefahr der bloßen Ersetzung durch gelehrsamere Vorurteile nicht auszuschließen ist. Ich werde versuchen, hier so viele Informationen zu geben, dass man notgedrungen gleich direkt in das Original eintauchen kann, will aber dennoch eine Orientierung in der auf den ersten Blick schier unendlichen Menge von Biographien und Einführungen zu bieten. Zu welcher man dann greift ist abhängig von den eigenen Bedürfnissen.

Wer es möglichst kurz und kompakt haben will, dem sei der Reclam-Band von Dina Emundts und Rolf-Peter Horstmann nahegelegt, der (surprise) den Namen „Hegel. Eine Einführung“ trägt und auf lediglich 120 Seiten verlässliches Basis-Wissen präsentiert. Am anderen Ende des Spektrums, wenigstens vom Umfang her, steht die Hegel-Propädeutik von Thomas Sören Hoffmann. Auf rund 500 Seiten legt er eine chronologisch fortschreitende Besprechung aller Schriften Hegels vor. Ein großer Pluspunkt des Buches ist die Einführung, die sich intensiv und explizit der Ausräumung von typischen Vorurteilen gegenüber Hegel widmet – knapp abgehandelt werden hier die Problemkomplexe und Begriffe Totalität, System, Dialektik, Logozentrismus, Philosophie in ihrer Zeit und das Absolute. Anfängern würde ich empfehlen, sich Hoffmanns Propädeutik zu besorgen, die Einführung zu lesen, das Buch dann aber beiseite zu legen und erst nach der Lektüre einiger Originaltexte wieder darauf zurückzugreifen. Einen ähnlichen umfassenden Ansatz zur Kommentierung bietet das im englischsprachigen Raum weit verbreitete Standardwerk von Charles Taylor von 1983. Es sei wegen seiner weiten Verbreitung erwähnt, ich würde den Hoffmann immer vorziehen. Letzterer hat den kleinen Nachteil, dass Hegels Leben nur verschwindend geringe Beachtung findet.

Unter den Biographien stammt die meines Erachtens mit Abstand schönste und lesbarste von dem sowjetischen Philosophen Arseni Gulyga. Eine hübsch bebilderte Ausgabe davon hat der Reclam-Verlag 1974 aufgelegt. Das Buch geizt nicht mit Anekdoten und biographischer Erzählung, flechtet beides aber organisch in eine Darlegung der wichtigsten Gehalte Hegel’scher Philosophie ein. Manche vom Marxismus herkommende Interpretation darin ist veraltet und mit Vorsicht zu genießen, dennoch ein Buch, dessen knapp 300 Seiten ich an einem Tag verschlungen habe und das seine Stärken gerade im Aufzeigen der Denkentwicklung Hegels hat. Was Gulyga etwa über den frühen Hegel schreibt, ist tiefgründiger als die lockere Erzählung den Anschein erweckt. Andere erwähnenswerte Biographien sind die erste relevante Biographie überhaupt von Karl Rosenkranz aus dem Jahre 1844, die sehr umfangreiche Darstellung in Horst Althaus’ „Hegel und die heroischen Jahre der Philosophie“ von 1992 sowie die jüngste Publikation über sein Leben, das erst vor 2 Monaten erschienene „Hegel. Der Philosoph der Freiheit“ von Klaus Vieweg. Über letzteres vermag ich noch nicht zu urteilen, die erstgenannten müssen zwar verständlicherweise als leicht überholt, aber dennoch noch immer mehr als nur einen Blick wert gelten.

Kompetente Einführungen und Abriße gibt es natürlich noch viele mehr, die aufgezählten scheinen mir aus den genannten Gründen herauszustechen. Erwähnt seien aber auch noch die Einführungen von Georg Römpp, Hans Friedrich Fulda und Herbert Schnädelbach.

 

 

  1. Hegels Leben und die Werkausgaben

Von Heidegger ist überliefert, dass er einmal eine Vorlesung mit den Worten „Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb“ einleitete, um so auf das Unbedeutende der genaueren Lebensverhältnisse des Philosophen zu verweisen. Ganz so kurz will ich mich in Bezug auf Hegel nicht halten, dennoch soll hier nur das Allernötigste gesagt werden, soweit es auch für ein besseres Lese-Verständnis nützlich ist.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel wurde am 27. August 1770 in Stuttgart geboren. Sein Vater stammte aus einer Beamten- und Pfarrersfamilie (so taufte etwa einer der Vorfahren Hegels 1759 ein kleines Kind namens Friedrich Schiller). Entsprechend studierte der junge Hegel ab dem Wintersemester 1788/89 in Tübingen evangelische Theologie und Philosophie. Sein Vorstudium schloß der von der mittlerweile ausgebrochenen Französischen Revolution begeisterte Student 1790 ab und bezieht im Anschluß die berühmte Studenten-WG am Tübinger Stift mit Schelling und Hölderlin. Mehr als 10 Jahre waren die Drei in enger persönlicher und brieflicher Freundschaft verbunden, bis sich die Wege durch Hölderlins Wahnsinn und Schellings Wechsel von Jena nach Würzburg 1803 allmählich trennten. Nach intellektuell auf- und anregenden Jahren, in denen die Studenten mit Kant und Französischen Idealen gegen die Starre der theologisch-universitären Dogmatik rebellierten, schloß Hegel 1793 sein Examen ab. In der expliziten Hoffnung, nebenbei sich möglichst viel mit Philosophie beschäftigen zu können und in Ermangelung an finanziellen Mitteln, nahm der frischgebackene Magister eine Hauslehrerstelle in Bern an, da die Universitäten der Zeit zumeist kein festes Gehalt, sondern nur lächerlich geringe Honorare für gehaltene Vorlesungen zahlen und also die Universitätslaufbahn zunächst nicht in Frage kam.

Während sich Hölderlin und Schelling in intellektuellen Zentren wie Jena und Frankfurt schnell einen Namen und die neuesten, theoretischen Moden durchmachten, saß Hegel die nächsten knapp 4 Jahre räumlich wie geistig relativ isoliert in der Schweiz. Es war vor allem eine Phase intensiven Selbststudiums, in der er nicht nur erneut und vertieft Kant studierte, sondern auch Machiavelli, Spinoza, Leibniz, Rousseau und viele andere. Seine eigenen Schriften drehten sich noch kaum um metaphysische oder logische Probleme, stattdessen stand im Fokus seines geistigen Interesses die Frage: Wie kann die Vernunft des moralischen Handelns sich vermitteln mit der äußeren Welt, der Sinnlichkeit? Oder anders: wie kann Kants praktische Philosophie praktisch werden? Darüber stößt er auf den Problemkomplex, wie sich die historisch-institutionalisierte (in Hegels Worten: positive) Religion zu der Moral- und Vernunftlehre Kants verhält und wie beide vereinbar sein können. Dementsprechend gestalten sich die zahlreichen Schriften und Fragmente der 1790er Jahre, die Hegel alle nicht veröffentlichte und deren Dreh- und Angelpunkt die christliche Religion war (unter anderem gab er eine Darstellung vom Leben Jesus’, in dem dieser als „wandelnder kategorischer Imperativ“ erscheint).

Erst 1797 kam Hegel aus der Schweiz, wo er seiner Isoliertheit wegen höchstwahrscheinlich auch an Depressionen litt, zurück und erhielt auf Vermittlung Hölderlins eine neue Hauslehrerstelle in Frankfurt. Wieder nahm der intellektuelle Austausch Fahrt auf, das sogenannte „Älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus“ entstand. 1801 schließlich – durch eine Erbschaft des gestorbenen Vaters in die finanzielle Möglichkeit dazu gesetzt – konnte Hegel an die Jenaer Universität wechseln, dort mit einer Dissertation seine Lehrerlaubnis erringen und mit seinen ersten Vorlesungen beginnen. Mit diesem Wechsel sowie der ersten eigenen Publikation, der sogenannten Differenzschrift von 1801, worin er Reinholds, Fichtes und Schellings Philosophie miteinander verglich, endet mit nun 31 Jahren seine „Jugendzeit“. Unter dem erneuten Eindruck des intellektuellen Austauschs sowie notwendigen Folgerungen aus seinen Jugendschriften, die ihn schließlich auf das Problem stießen, wie sich Unendlichkeit (Gott) und Endlichkeit (Mensch) vermitteln lassen, wendete er sich „abstrakt-metaphysischen“ Forschungen zu. Gemeinsam mit Schelling brachte er 1802/1803 noch das sogenannte Kritische Journal der Philosophie heraus, nach dem Abgang des Freundes aus Jena widmete sich Hegel endgültig und unter stetem Studium von Platon und Aristoteles seinem eigenen System.

Das erste Ergebnis und Hegels erstes Buch erschien Anfang 1807: die Phänomenologie des Geistes (zuvor hatten ihm die durch Jena marschierenden französischen Soldaten noch einige Mühsal bereitet, indem sie seine Wohnung und seinen Manuskript-Stapel verwüsteten. Er blieb dennoch sein Leben lang frankophil und ein Bewunderer des „Weltgeistes zu Pferde“, Napoleon). Zunächst zwang die Besetzung Jenas den 36-Jährigen, die Stadt zu verlassen. Er ging nach Bamberg, wo er 1807 bis 1808 Chefredakteur der Bamberger Zeitung war. 1808 verließ er, frustriert unter anderem vom bayerischen Pressegesetz, die Stadt wieder und wurde Rektor des Ägidiengymnasiums in Nürnberg, ein Posten auf dem er von 1808 bis 1816 verbleibt und in dessen Phase die schriftstellerisch produktivste Phase seines Lebens fällt. In der fränkischen Stadt verfasste der seit 1811 auch verheiratete Hegel von 1812 bis 1816 sein Hauptwerk, die Wissenschaft der Logik und bereitete darüber hinaus die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse vor, ein in Paragraphen gegliederter Vorlesungsleitfaden für seine Hörer, den er schließlich 1817 in Heidelberg, wo er von 1816 bis 1818 ordentlicher Professor war, erstmals publizierte. Die Enzyklopädie besteht aus drei Teilen, die sich in Logik, Naturphilosophie und Philosophie des Geistes gliedern. Letzteres meint sowohl den subjekten Geist als auch den objektiven, in der Gesellschaft und Geschichte sich entfaltenden Geist sowie den absoluten, d.i. der sich selbst erfassende Geist (Religion, Kunst und Philosophie).

Seinen letzten Wechsel vollzog Hegel 1818 mit dem Umzug nach Berlin, wo er Nachfolger auf dem Lehrstuhl Fichtes wurde. 1821 veröffentlichte er dort sein letztes Buch, die Grundlinien der Philosophie des Rechts, und widmete sich ansonsten vor allem seinen Vorlesungen. In Berlin wurde Hegel schnell zu einer stadtbekannten Berühmtheit, die Vorlesungen des Goethe-Freundes wurden schnell zu einem Magneten für die gebildeten Schichten, Hunderte von Hörer*innen besuchten trotz seiner stark schwäbelnden und stockenden Sprechweise die Vorträge. Wer in dieser Zeit und noch bis in die 1850er Jahre hinein sagte, er studiere „Philosophie“, meinte Hegels System (ganz ähnlich wie man Aristoteles lange Zeit nur „den Philosophen“ zu nennen brauchte, es wusste dann schon jeder, wer gemeint war). Hegel verstarb am 14. November 1831 in Berlin, vermutlich an der Cholera, und wurde auf eigenen Wunsch hin neben Fichte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begraben.

 

Kurz nach seinem Tod bildete sich der „Verein von Freunden des Verewigten“, der aus seinen Schülern Marheineke, Gans, Hotho, u.a. bestand. Von 1832 bis 1845 kümmerte sich der Verein um die Veröffentlichung von Hegels Werken in damals 21 Bänden, welche die Basis für die von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel in den 1970er Jahren neu herausgegebene Werkausgabe in 20 Bänden (die Suhrkamp-Ausgabe) bildeten. Im 20. Jahrhundert begann auch die Herausgabe der vollständigen historisch-kritischen Edition der Gesammelten Werke Hegels. Beheimatet ist dieses immer noch nicht abgeschlossene Mammut-Projekt an der Ruhr-Universität Bochum, wo Walter Jaeschke im Auftrag der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften dafür zuständig ist. Die dazugehörige informative Website bietet einen guten Überblick sowie die Inhaltsverzeichnisse der entsprechenden Bände. Auf dieser Edition aufbauend gibt es im Felix Meiner Verlag noch die Hauptwerke Hegels in 6 Bänden, deren Vorteil gegenüber der Suhrkamp-Ausgabe vor allem in den höheren wissenschaftlichen Standards und dem Anmerkungsapparat besteht. Nicht unerwähnt bleiben darf außerdem die Herausgabe des Briefwechsel Hegels, soweit erhalten, in 4 Bänden (herausgegeben von Johannes Hoffmeister und Friedhelm Nicolin).

Zu welcher Ausgabe sollte man also greifen? Für den Einstieg und auch den studentischen Hausgebrauch einschließlich Seminararbeiten genügt die Suhrkamp-Ausgabe, bei der in einer Hinsicht aber besondere Vorsicht angebracht ist: knapp die Hälfte dieser 20-bändigen Werkausgabe besteht aus „Vorlesungen über …“ (Religion, Ästhetik, Geschichte und Philosophiegeschichte). Diese Bände hat Hegel nicht selbst geschrieben! Sie sind von seinen Schülern auf der Basis von Notizen Hegels und mehreren verschiedenen Vorlesungsmitschriften zusammenkompiliert worden. Sie atmen zwar definitiv Hegelschen Geist und basieren eben auch auf seinem erhaltenen Schriftgut, dennoch muss man sie mit Vorsicht genießen. Sie geben dem System eine Letztgültigkeit und Abgeschlossenheit, die Hegel selbst so nicht angestrebt hat. Nicht ohne Grund hat er in seinem ganzen letzten Lebensjahrzehnt kein neues Buch mehr veröffentlicht, obwohl er es problemlos hätte tun und damit reißenden Absatz hätte finden können. Stattdessen waren für Hegel die Vorlesungen ein steter Anlass, sein System aus immer neuen Perspektiven zu betrachten und zu reformulieren und so sein Philosophieren lebendig und im Fluß zu halten. Die Suhrkamp-Werkausgabe vermittelt davon einen verzerrten Eindruck, zumal die Schlagseite deutlich gen Berliner Zeit sich neigt, während wichtige Schriften und Systementwürfe, etwa aus der Jenaer Zeit, fehlen. Sie ist dennoch ordentlich ediert und aufgrund des Preises und der leichten Verfügbarkeit zu Recht immer noch die gebräuchlichste Ausgabe für Studierende. Vor allem Hegels selbst publizierten Werke, also die Phänomenologie, die Wissenschaft der Logik, die Enzyklopädie und die Rechtsphilosophie, sind auch bei Suhrkamp durchaus verlässlich. Spätestens aber wenn ihr Bachelor- oder Masterarbeiten zu Hegel schreibt oder intensiver forscht, solltet ihr zu einzelnen Ausgaben des Meiner-Verlages oder zur Gesamtausgabe, die auch bei Meiner erscheint, greifen.

 

P.S.: es erweckt immer einen guten Eindruck, wenn ihr in Seminararbeiten oder Referaten zu Hegels Philosophie eben diese Problematik, was denn nun von Hegel selbst stammt und was von seinen Schülern, kritisch anmerkt und reflektiert.

 

 

  1. Erster Text-Einstieg

Nun jedoch endlich: Hegel lesen! Nach dem vorherigen Kapitel ist klar, dass Hegels Hauptwerke die Phänomenologie, die Logik, die Enzyklopädie sowie die Rechtsphilosophie sind. Wer mit Hegel vertraut sein will, muss diese Werke gelesen haben. Bevor wir aber darüber reden, mit welchem davon am besten zu beginnen sei, ein Vorschlag zur Güte: ihr werdet mit jedem der Hauptwerke sicherlich je nach verfügbarer freier Zeit mehrere Monate beschäftigt sein. Und jedes wird eine Herausforderung werden. Ich empfehle daher, für einen abwechslungsreicheren und „lebendigeren“ Einstieg und auch zur Eingewöhnung in Hegels Motivation und Sprache sich zunächst einen freien Tag zu nehmen und die folgenden vier kurzen Texte zu lesen:

  1. Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (Suhrkamp-Werkausgabe Band 1, S. 234-236): eine ganz kurze Schrift, eigentlich nicht mehr als ein Notizblatt, das sehr spät entdeckt und dann zu einem der meistdiskutierten Texte der philosophiegeschichtlichen Forschung wurde – das aber vor allem, weil immer noch nicht vollends entschieden ist, ob Schelling, Hölderlin oder Hegel der Urheber ist. Der Text gibt nicht viel an eigentlichen Begründungen her, ist aber eine aufschlußreiche „Absichtserklärung“, welche gut die Motivation vieler nach-kantianischen Philosophen aufzeigt. Auch der jugendliche Pathos macht es zu einer kurzweiligen Lektüre.

 

  1. Systemfragment von 1800 (SW Band 1, S. 419-427): schon wesentlich anspruchsvoller ist dieses Fragment, das man sehr gründlich lesen sollte, um sich in Hegels Stil und Gedankengang einzuüben. Man muss nicht den ganzen entwicklungsgeschichtlichen Kontext verstehen, aber zumindest im Hinterkopf haben, dass dieses Fragment hervorragend den Übergang aufzeigt, wie der junge Hegel von seinen eigentlich ganz praktisch erscheinenden Lieblingsthemen wie Religionspädagogik und -geschichte, Erziehung zur Moralität und Politik fortgetrieben wird auf immer „abstraktere“ theoretische Gedanken, etwa über den Zusammenhang von Endlichkeit und Unendlichkeit. Die Geburt der Metaphysik aus dem Geiste der moralischen Erziehung, wenn man so will. Es ist auch, soweit ich es übersehe, die Geburtstätte einer der wichtigsten Denkfiguren Hegels: diejenige des „konkreten Allgemeinen“, d.h. eines Allgemeinen, das verstanden wird als Einheit seiner Selbst und seines Gegenteils, des Besonderen (später wird Hegel u.a. von Identität von Identität und Nicht-Identität sprechen). Man muss das Fragment nicht komplett verstehen, aber dies immerhin mitnehmen.

 

  1. Wer denkt abstrakt? (SW-Band 2, S. 575-581): ich sprach eben von „abstrakten“ theoretischen Gedanken. Die Anführungszeichen verweisen darauf, dass ich abstrakt zwar hier im Sinne des Alltagsverstands, Hegel es aber ganz und gar nicht so gebrauchte. Was es eigentlich heißt, abstrakt und konkret zu denken, erörterte er in diesem kleinen, stilistisch glänzenden Aufsatz, der sicher auch als der witzigste Text Hegels gelten und zum Einstieg nicht fehlen darf. Und ohne ein richtiges Verständnis der Begriffe abstrakt und konkret wird Hegels ganzes Werk nicht einsichtig. Mit diesem kleinen Teaser aus der Philosophiegeschichte belassen wir es vorerst: „Ist das Wahre abstrakt, so ist es unwahr. Die gesunde Menschenvernunft geht auf das Konkrete. Die Philosophie ist dem Abstrakten am feindlichsten, führt zum Konkreten zurück.“

 

  1. Über die englische Reformbill (SW 11, S. 83-128): warum sollte man diese in seinem Todesjahr 1831 erschiene Schrift über ein einzelnes englisches Reformgesetz lesen? Zum ersten legt sie einen Hegel offen, der meistens ignoriert wird: den glänzenden politischen Kommentator. Hegel hat sich zeitlebens intensiv mit der tagesaktuellen Politik auseinandergesetzt und sie so tiefsinnig wie kaum ein zweiter untersucht. Ich würde behaupten, das ganze 19. Jahrhundert kennt nur zwei Männer mit vergleichbarem politisch-analytischen Blick: Tocqueville und Marx. Die Reformbill-Schrift kann darüber hinaus nicht nur stellvertretend für die kürzeren Spätschriften stehen, sondern bereitet auch ein wirkliches Verständnis davon vor, was Hegel unter politischer Freiheit verstand (nicht die britische, soviel sei gespoilert). Entgegen allen Unkenrufen zeigt sich hier außerdem einmal wieder, wie lesbar und verständlich Hegel geschrieben hat und wie faktenorientiert er argumentiert.

Ein Tipp zum Schluß: das Älteste Systemprogramm, Wer denkt abstrakt? und Über die englische Reformbill findet ihr alle auf dem Internetportal Zeno.org, ebenso wie eine nach Jahreszahlen geordnete stichpunktartige Biographie.

 

 

  1. Die Haupt-Werke

And now for something completely different… Auf den lockeren Einstieg folgen die harten Brocken. Phänomenologie, Logik, Enzyklopädie und Rechtsphilosophie. Womit ihr beginnen wollt, sei euch überlassen. Definitiv abraten kann ich euch lediglich davon, mit den Grundlinien der Philosophie des Rechts zu beginnen. Sie sind bei Studierenden zwar recht beliebt, weil es darin um vermeintlich lebensnahe Themen wie Recht, Moral und Politik geht, es ist im Ganzen aber die voraussetzungsvollste der großen Hegelschen Veröffentlichungen. Man versteht wirklich nicht viel, wie der Fortgang in den Rechtsbestimmungen verläuft, wenn man nicht Hegels Logik kennt. Auch die Phänomenologie und die Lehre des subjektiven Geistes in der Enzyklopädie sind wichtig für das Verständnis dessen, was in der Rechtsphilosophie behandelt wird. Die Gliederung der Kapitel über den objektiven Geist in der Enzyklopädie wiederum sind weitestgehend an der Rechtsphilosophie orientiert und bieten nur einen Abriß davon. Zuletzt muss man auch berücksichtigen, dass es sich bei den Grundlinien der Philosophie des Rechts um einen Grundriß und ein zu Hegels Vorlesungen ergänzendes Werk handelt. Er selbst spricht in der Einleitung davon, „meinen Zuhörern einen Leitfaden zu den Vorlesungen in die Hände zu geben.“ Hegel selbst konnte dabei auf ein größtenteils mit seiner Logik vertrauten Publikum bauen (wenn auch einige der Adligen und Honoratioren, die in den 1820er Jahren in seine Vorlesungen strömten, um den Weltgeist zu Katheder zu sehen, sich nur für das Politische interessierten). Daher erscheint es wenig ratsam, sich daran zu wenden, bevor man Hegels Logik kennt und anhand ihrer die Sprünge von Paragraph zu Paragraph in der Rechtsphilosophie nachvollziehen kann.

Bleiben die drei anderen Hauptwerke. Sehen wir zu, was dafür und dagegen spricht, mit den jeweiligen anzufangen.

 

Die Phänomenologie des Geistes: rein chronologisch ist es das erste große Buch Hegels und im Ganzen hat sie auch die Funktion eines Einstiegs in das Philosophieren, wie er es dann in seiner Logik vollzieht. Zugleich reagiert er mit ihr auf ein großes, durch Kant aufgeworfenes Problem. Dessen Erkenntniskritik, die auf der genialen Einsicht beruhte, dass der Verstand unsere Erkenntnis strukturiert und wir uns insofern beim Erkennen nicht nur passiv, sondern auch aktiv verhalten, warf das Frage auf, ob wir von den Dingen der Außenwelt nur ihre Erscheinung wahrnehmen oder auch ihr „wahres Wesen“ wahrnehmen können. Es erhob sich die Frage, bzw. wurde zumindest von den Zeitgenossen Hegels als dringendes Problem empfunden, wie Wissenschaft möglich und wohlbegründet sein könne, wenn das erkennende Subjekt und sein Erkenntnisvermögen vorrangig im Gegensatz zu den Objekten aufgefasst wurde.

Demgegenüber will Hegel in der Phänomenologie das „Werden der Wissenschaft überhaupt oder des Wissensdarstellen. Er will zeigen, wie sich der Gegensatz des Bewußtseins zu seinem Gegenstand in einer dialektischen Bewegung schrittweise auflösen lässt, so dass am Ende ein Erkennen der ganzen Wirklichkeit, des Absoluten, möglich ist. Auf der letzten Stufe, dem absoluten Wissen, sind Subjekt und Objekt insofern nicht mehr voneinander geschieden, als der selbstreflexive Geist alle ihre möglichen Verhältnisweisen reflektiert hat und sich nicht einseitig als eine von ihnen versteht, sondern als das Gesamt der Vermittlung zwischen beiden selbst. Die Phänomenologie ist daher ein Durchgang durch alle Gestalten, bzw. Erscheinungen (daher der Titel) des Geistes wie beispielsweise Wahrnehmung, Selbstbewusstsein, Vernunft bis hin zu geistigen Formationen wie Sittlichkeit, Religion und Philosophie.

Dieser äußerst breit gespannte Horizont und der äußerst innovative methodische Ansatz machen die Phänomenologie des Geistes zu einem all-time-classic der Philosophie. Ihre Beliebtheit liegt darin begründet, dass in ihr nicht allein zum ersten Mal Hegel seine Konzeption von Dialektik zur meisterhaften Ausführung brachte, sondern auch, dass so enorm viele Themengebiete kreativ miteinander verknüpft werden (unter anderem Bewußtsein, intersubjektive Beziehungen, Physiologie und selbst Schädellehre, Organik, Moral, Kunst und Religion, Philosophiegeschichte sowie Geschichtsphilosophie). Dieser besondere Reiz macht das Buch zu einem spannenden Einstieg, zumal Hegel eben selbst es als ersten Teil seines Systems betrachtet hat, das auf den Standpunkt des wissenschaftlichen Philosophierens hinführt.

Zwei kleine Nachteile sind mit der Phänomenologie verbunden. Erstens hat Hegel sie später nicht überarbeitet und war auch an einer neuen Auflage kaum interessiert, da sie sich nicht mehr schlüssig in sein entwickeltes System einfügen ließ. Die Inhalte der Phänomenologie sind in veränderter Form in den dritten Band der Enzyklopädie und in die Vorlesungen über Religion, Ästhetik, Geschichte und Philosophie eingegangen. Nicht zu Unrecht lässt sich mit Wittgensteins berühmter Metapher sagen, dass die Phänomenologie für Hegel die Leiter war, die er weggeworfen hat, nachdem er auf ihr aufgestiegen ist. Das sollte nicht daran hindern, mit ihr die Lektüre zu beginnen, man sollte es allerdings im Hinterkopf bewahren. Gerade, dass sie nicht Hegels letztes Wort war, führt auf den zweiten Punkt: vieles darin ist nicht konsequent ausgeführt, so dass sie beispielsweise tiefsinnige Bemerkungen über Religion enthält, ohne bereits eine explizierte Religionsphilosophie zu bieten. Die Phänomenologie gleicht insofern ein wenig einem Steinbruch genialer Ideen und Ansätze, die in noch viel genialerer Weise miteinander verknüpft werden. Das hat sie für die meisten Interpreten der vergangenen zwei Jahrhunderte zum beliebtesten Werk Hegels werden lassen, da sie viel Spielraum zum Auslegen lässt. So schrieb etwa Karl Marx: „Man muß beginnen mit der Phänomenologie des Geistes. Sie ist die wahre Geburtsstätte und das Geheimnis der Hegelschen Philosophie – eine Wertschätzung, die nicht zuletzt darin begründet, dass das Kapitel über Herrschaft und Knechtschaft für den Marxismus logischerweise höchst bedeutsam werden musste.

 

Die Wissenschaft der Logik: sie ist dagegen das zumindest aus Sicht Hegels das eigentliche Hauptwerk und Kern seiner Philosophie. Sie setzt ein mit dem nach der Phänomenologie erreichten wissenschaftlichen Standpunkt und enthält nun als Wissenschaft „den Gedanken, insofern er ebensosehr die Sache an sich selbst ist. Dieses, wie Hegel es auch nennt, objektive Denken ist der Inhalt der neuen Wissenschaft der Logik. Logik ist hier also nicht aufgefasst als subjektive Regel-Lehre des Denkens, die äußerlich auf Gegenstände angewandt wird, sondern als Erfassen und Entwickeln derjenigen Kategorien, die sowohl der Wirklichkeit in der Natur als auch dem menschlichen Geist zugrundeliegen. Gerade, dass es solche zugrundeliegenden Kategorien, in denen Inhalt und Form der Erkenntnis nicht wie in der formalen Logik getrennt sind, garantiert, dass wir, wenn wir uns mit unserem menschlich-subjektiven Geist an die Natur wenden, dort wirklich etwas Wahres erkennen können, denn wir erkennen dort eben kategoriale Strukturen, die auch unseren eigenen Geist und sein Erkenntnisvermögen strukturieren und formen, auf welches wir natürlich immer reflektieren können.

Wenn also Hegel davon spricht, dass die Logik „als das System der reinen Vernunft, als das Reich des reinen Gedankens zu fassen ist, so meint das nicht eine Logik im Sinne Kants, dem Hegel vorwarf, „aus Angst vor dem Objekt den logischen Bestimmungen eine wesentliche subjektive Bedeutung gegeben zu haben, sondern als ein System von Kategorien, die Natur und Geist, insofern allem Empirischen überhaupt, vorausliegen. In diesem Sinne ist die Logik auch eine Metaphysik, allerdings keine vorkritische mehr, wie sie vor Kant gang und gäbe waren.

Hegel beginnt dieses gewaltige Unterfangen mit der Kategorie des reinen Seins, die so abstrakt gefasst wird, dass sie ebensogut als reines Nichts gefasst werden kann. Im Übergang des Seins und des Nichts liegt die nächste Kategorie, diejenige des Werdens, begründet. Und so geht es weiter über eine Unmenge an Kategorien wie Endlichkeit, Unendlichkeit, Quantität, Qualität, Maß, Wesen, Reflexion, Erscheinung, Grund, Widerspruch, Wirklichkeit, Begriff, Urteil, Schluß, Teleologie, Idee und viele weitere. In dialektischer Entwicklung (wozu ich weiter unten noch etwas ausführe) wird an jeder Kategorie aufgewiesen, dass ihre eigene Definition, die zunächst als isolierte, nur sie selbst betreffende, erscheint, auf notwendigen Voraussetzungen beruht, welche die Kategorie in Relation setzen mit einer zweiten Kategorie, die an der ersten quasi „aufscheint“, weil sie für das Denken dieser ersten Kategorie notwendig ist. Auch diese Relation zweier Kategorien aber führt wiederum Voraussetzungen mit sich, die – wenn man auf sie reflektiert – zu einer neuen Kategorie führen, welche einmal die Einheit der vorangegangenen Kategorie ist, andererseits neue Implikationen mit sich bringt, die in der Folge wieder expliziert werden müssen.

So weit, so knapp. Die Wissenschaft der Logik ist das ausführlichste Werk Hegels und dies nimmt auch nicht Wunder, wenn man berücksichtigt, dass sie die Grundlage für alles Weitere bildet. Sie ist also auch Grundlage und beste Ausführung der „dialektischen Methode Hegels. Gleichsam lässt sie sich auch relativ voraussetzungslos lesen, solange man nur aufmerksam dem Gedankengang folgt, sind so gut wie keine Vorkenntnisse nötig (für das Verständnis mancher Anspielungen auf die Philosophiegeschichte schaden sie aber auch nicht). Dies macht sie vor allem für Interessierte, die bereits Erfahrung mit philosophischen Texten im allgemeinen haben, zu einem empfehlenswerten Einstieg. Erstsemestern würde ich tatsächlich eher dazu raten, sich dieses umfassende Werk, das mindestens zu den zehn wichtigsten der Philosophiegeschichte zählt, eher ein wenig später im Studium vorzunehmen.

 

Die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (3 Bände): wie bereits erwähnt, ist die Enzyklopädie zum Zweck eines Vorlesungsleitfadens für die Hörer Hegels konzipiert, wie er selbst in der Vorrede zur ersten Ausgabe schreibt. Zwar ist die dritte und letzte Ausgabe von 1830 daraufhin deutlich erweitert worden, „der Klarheit und Bestimmtheit der Exposition nachzuhelfen, es bleibt jedoch ein in knappen Paragraphen gefaßtes Überblickswerk. Die Suhrkamp-Ausgabe hat den meisten Paragraphen noch um „Zusätze“ des mündlichen Vortrags ergänzt, die wiederum auf Manuskripten Hegels und Vorlesungsmitschriften der Schüler beruhen. Sprich: auch hier muss man sehr vorsichtig sein, es ist philologisch nicht vollständig gesichert, dass der Inhalt der „Zusätze“ wirklich genau so von Hegel vorgetragen wurde.

Trotzdem halte ich die Enzyklopädie für den besten Einstieg in die Hegel-Lektüre. Warum? Zunächst einmal halte ich es für ein, vielleicht sogar das gewichtigste Argument, dass Hegel selbst sie zur Einführung in sein philosophisches System konzipiert hat. Zwar war sie an seine Vorlesungen geknüpft, jedoch hat er sich nicht wenig Mühe gegeben, dass sie auch ohne diese verständlich ist. Insbesondere hat er sich um breit angelegte Vorreden, eine Einleitung und einen Vorbegriff gekümmert, die allein schon knapp 180 Seiten des ersten Bandes ausmachen und m.E. den besten Einstieg in Hegelsches Philosophieren ermöglichen. Hierin spricht er sich auch maximal verständlich über seine Methodik und seine Absichten aus. Für die Enzyklopädie spricht allerdings nicht allein die erklärte Intention des Autors (die im Zweifelsfall aber immer höher stehen sollte als die Meinung jedes Interpreten), sondern auch, dass sie in ihren drei Bänden einen Überblick über das gesamte System bietet, das heißt, sie bietet wirklich den Rahmen für alles Andere, was Hegel geschrieben und vorgetragen hat. Ja, sie bietet sogar noch mehr, insofern die im zweiten Band ausgeführte Naturphilosophie nirgends anders niedergelegt wurde. Die Enzyklopädie zu ignorieren würde daher zugleich bedeuten, einen gewichtigen Bestandteil des Systems zu ignorieren. Der erste Band widmet sich der Logik und bietet einen Überblick dessen, was in der „Wissenschaft der Logik“ ausgeführt wurde. Der dritte Band enthält die Philosophie des Geistes, worunter Hegel ein sehr breites Spektrum an Gegenstandsbereichen fasst, das unter anderem von Anthropologie und Psychologie (subjektiver Geist) über Recht, Moral, Gesellschaft und Staat (objektiver Geist) bis hin zu Religion, Kunst und Philosophie (absoluter Geist) geht. Die Inhalte der Phänomenologie des Geistes sind hier in abgewandelter Form in verschiedene Kapitel eingegangen.

Ein dritter großer Vorteil der Enzyklopädie, der aber zugleich ein Nachteil ist, ist ihre abgekürzte Form. So liefert Hegel hier einen Überblick über alle seine Begriffsbestimmungen, gerade die diffizilen argumentativen Übergänge von einer zur nächsten, wie er sie so meisterhaft in seinem eigentlichen Hauptwerk entwickelt, fehlen hier aber. Ich halte dies aber für verschmerzbar, denn wer sich ohne jede Vorerfahrung in die Wissenschaft der Logik wirft, dem werden höchstwahrscheinlich ohnehin die Feinheiten der Argumentation und die mehrfachen Bedeutungen, in die jeder Begriff ausgesagt werden kann, entgehen.

 

Mein Tipp also für die Abfolge in der Lektüre: zuerst die drei Bände der Enzyklopädie lesen, dabei den ersten Band (die „kleine Logik“) ergänzen durch einen Blick in Vorreden und Einleitung der Wissenschaft der Logik, danach die Phänomenologie des Geistes und erst dann sich einem wirklich intensiven Studium der sogenannten „Großen Logik“ widmen.

 

 

  1. Hilfestellungen für das Lesen

Von der Frage, was man lesen sollte, zur Frage, wie man lesen sollte. Ich enthalte mich Banalitäten von wegen gründlich lesen und dergleichen und gebe nur eine Handvoll konkrete Hinweise, die man beim Lesen im Hinterkopf behalten sollte.

 

  1. Ist Hegel schwierig zu lesen? Jein. Die Schwierigkeiten mit dem Text liegen auf drei Ebenen. Zum ersten verwendet Hegel natürlich einen komplexen, oft sehr verschachtelten Satzbau und mitunter eine etwas altertümliche Wortwahl. Diese Eigenschaft teilt er allerdings mit so gut wie allen seiner Zeitgenossen (den deutschen, könnten Freunde der französischen und britischen Essayistik mit Recht hinzufügen) und wer erwartet, alles in mundgerechten, linearen Hauptsätzen, womöglich noch begrenzt auf 280 Zeichen, präsentiert zu bekommen, sollte die Philosophie Philosophie sein lassen und sich eine andere Beschäftigung suchen. Die zweite Schwierigkeitsebene liegt darin begründet, dass Hegel beansprucht, mit seinem System die Wirklichkeit der ganzen Welt abbilden zu können. Wer also an Hegel mit dem Anspruch herantritt, er solle bitte leicht verständlich sein, kann ebensogut an die Welt herantreten und sie auffordern, leicht verständlich zu sein. Ein komplexer Zusammenhang lässt sich nun einmal nur entweder stark verkürzt und damit verfälschend oder eben selbst komplex widerspiegeln. Ernst Bloch hat das mit Blick auf Hegel poetisch formuliert: „Dunkles, das exakt als solches ausgedrückt wird, ist ein ganz Anderes wie Klares, das dunkel ausgedrückt ist; das Erste ist wie Greco oder Gewitterlicht, das Zweite ist Stümperei.Auch hier kann man dem Leser nicht ersparen, sich in diese Komplexität einzuarbeiten, ganz so wie man sich in mathematische Beweise oder physikalische Theorien einarbeitet – mit Geduld, Hilfsmitteln und wiederholtem Üben des Umgangs mit der Inhalten des Texts. Dasselbe gilt für die dritte Ebene, die Probleme bereiten kann. Hegel hat wie die meisten Philosophen ein eigenes begriffliches Instrumentarium entwickelt, um sich und seine perspektivisch bedingte Widerspiegelung des Weltganzen ausdrücken zu können. Dieses Begriffsgefüge hat etwas von einem sich selbst tragenden Gerüst, soll heißen, die Begriffe erklären und erhellen sich letztlich alle wechselseitig. Das macht den Einstieg in der Tat sehr schwer, denn man kann nicht einfach voraussetzen, schon zu wissen, was etwa der vielumstrittene Satz „Was vernünftig ist, das ist wirklich. Und was wirklich ist, das ist vernünftig. aus der Rechtsphilosophie bedeutet (dazu gibt es im Übrigen hier einen gelungenen Blogbeitrag von Annette Schlemm), denn Hegel gebraucht die Begriffe Wirklichkeit und Vernunft nicht gemäß dem Alltagsverstand. Stattdessen gilt es, sich jeden Begriff in seinem spezifischen Hegelschen Gebrauch erst einmal zu erschließen. Dabei kann das weiter unten aufgeführte Lexikon helfen, vor allem aber gilt es einfach, die Texte mehrfach zu lesen. Zunächst ist das mühsam, aber je öfter man herangeht, umso klarer werden die Begrifflichkeiten und ihre Zusammenhänge und die sich daraufhin einstellenden Erfolgserlebnisse sind aller Mühen wert.

Im Übrigen hat Hegel sein ganzes Erwachsenenleben hindurch praktische pädagogische Erfahrungen gesammelt. Er war Hauslehrer, Schulrektor, Dozent und Professor und hat sich in diesen Rollen zeitlebens so sehr um eine verständliche Vermittlung seiner Philosophie bemüht wie kaum ein anderer Philosoph in der Geschichte. Man sollte ihm daher zumindest einen Vertrauensvorschuss einräumen und davon ausgehen, dass Hegel wusste, wie er sein Denken angemessen zu vermitteln hatte. Viele Vermittlungen waren zwar auf Mündlichkeit hin angelegt, weswegen er lieber Vorlesungen hielt als viele Bücher zu veröffentlichen, aber auch in seinen Schriften, besonders den Einleitungen, baut er seinen Lesern enorm viele Brücken. Diesen gilt es grundsätzlich mehr zu vertrauen als aller simplifizierender Sekundärliteratur. Und manche wunderschöne sprachlich-elegante Wendung oder Metapher wird man auch immer mal wieder finden – die Eule der Minerva ist Zeuge.

 

  1. Versucht nicht ständig, Hegel in seinem Idealismus zu „ertappen“. Die materialistische Kritik seit Feuerbach hat immer höchst vorschnell über einzelne Stellen bei Hegel das Verdikt „idealistisch“ verhängt und damit zugleich abgetan. Sicher ist es schwierig, Aussagen à la „Der Geist regiert die Welt.“ nicht zu verdächtigen, auf absurde Weise die objektive Welt zu versubjektivieren. So leicht ist es allerdings bei Weitem nicht und sowohl Hegels Idealismus- als auch sein Subjekt-Begriff sind alles andere als unmittelbar dem sogenannten gesunden Menschenverstand zugänglich, so dass man nicht mit vorgefertigten Auffassungen darüber, was etwa Geist sei, herangehen darf. Wer zumindest vorerst einen Verweis darauf benötigt, dass Hegel, wenn er scheinbar nur für das Menschliche geltende Begriffe auch auf die objektive Welt anwendet, keinen kruden subjektiven Idealismus verfolgt, sei an dieses Zitat aus den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie verwiesen (Vorsicht jedoch, denn das Zitat ist in dieser Form nicht philologisch gesichert, der Inhalt ist jedoch vollständig im Geiste Hegels):

„Das eine ist das Geschichtliche, daß der Grieche Anaxagoras zuerst gesagt hat, der νοῦς, der Verstand überhaupt, oder die Vernunft, regiere die Welt, – nicht eine Intelligenz als selbstbewußte Vernunft, nicht ein Geist als solcher, beides müssen wir sehr wohl voneinander unterscheiden. Die Bewegung des Sonnensystems erfolgt nach unveränderlichen Gesetzen: diese Gesetze sind die Vernunft desselben, aber weder die Sonne noch die Planeten, die in diesen Gesetzen um sie kreisen, haben ein Bewußtsein darüber. So ein Gedanke, daß Vernunft in der Natur ist, daß sie von allgemeinen Gesetzen unabänderlich regiert wird, frappiert uns nicht, wir sind dergleichen gewohnt und machen nicht viel daraus.

 

  1. Zum Hegelschen Sprachgebrauch ansonsten noch den Hinweis, dass man unterscheiden kann zwischen einerseits Kategorien, die Hegel explizit behandelt und deren logische Entwicklung und Umschlag von einer Kategorie in die nächste er darstellt, und andererseits der Begrifflichkeit, die er fortlaufend für diese logische Entwicklung selbst gebraucht, die also quasi Kategorien-übergreifend zur Anwendung kommen, weswegen man sie auch „operative Begriffe“ nennen kann. Während für die expliziten Kategorien schon ein Blick in das Inhaltsverzeichnis der Logik genügt, stößt man auf die operativen Begriffe erst im Verlauf des Textes. Dazu zählen Begriffe wie abstrakt, konkret, an-sich-sein, für-sich-sein, unmittelbar, Vermittlung, Bestimmtheit, Negation, Negativität und etliche Andere. Manche von ihnen erklärt Hegel en passant, manche in seinen Einleitungen, manche leider gar nicht. Wenn man sich im Verstehen nachhelfen will, gibt es in der Sekundärliteratur und in Nachschlagewerken viele nützliche Bestimmungen. Für die auf den ersten Blick sehr verwirrenden Begriffe an-sich-sein, für-andere-sein, für-sich-sein sowie an-und-für-sich-sein lohnen sich beispielsweise die Definitionen im Anhang von Ralf Ludwigs Einführung in die Phänomenologie des Geistes. Viel mehr läßt sich zunächst hier nicht sagen, man sollte aber achtsam auf den Gebrauch gerade dieser operativen Begriffe schauen, wenn man Hegels „Methode“ verstehen will.

 

  1. Bedenken sollte man auch, wie Hegel sein System als Ganzes anlegt. Er selbst verkündet ja am Anfang der Phänomenologie: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“ Man darf es also nicht so lesen wie viele andere Texte, in denen zunächst Definitionen gegeben werden und dann wird über sie nachgedacht, oder etwas daraus deduziert. Hegel gibt zwar zu Beginn seiner Schriften oft Vorbegriffe oder erste Vorstellungen von dem Resultat, das er natürlich sich schon erarbeitet hat, aber das eigentlich Wertvolle ist die Einheit des Resultats und des bis dahin vollzogenen Weges. Man versteht nur sehr unzureichend, was Dialektik ist, wenn man die Aufmerksamkeit nur auf die expliziten Aussagen über Methodik, Dialektik und Spekulation richtet und nicht auf die konkrete Praxis im Text. Ein Hinweis kann hierzu noch gegeben werden: Aus dieser System-Konzeption folgt auch ein kontra-intuitives Methodenverständnis. Während für gewöhnlich Methode als etwa Formales, auf einen externen Gegenstand Anwendbares aufgefasst wird, versteht Hegel darunter: „Denn die Methode ist nichts anderes als der Bau des Ganzen in seiner reinen Wesenheit aufgestellt.“ Daraus folgt, dass die Struktur der Dialektik sich weder auf feste Definitionen wie „Einheit von Gegensätzen“ noch auf ein wie auch immer geartetes Dreischritt-Schema reduzieren lässt (schon gar nicht auf These-Antithese-Synthese, ignoriert bitte alle Texten, in denen die Dialektik so beschrieben wird). Denn ein immer gleiches Schema wäre eben ein rein äußerlicher Maßstab im Sinne der formalen Logik und wäre unfähig, das Wesentliche, den Inhalt eines Gegenstandes zu erfassen. Daraus folgt, dass jeder Gegenstandsbereich der ideellen und der reellen Welt eine je leicht unterschiedliche Struktur der Dialektik besitzt, die seinem spezifischen Inhalt angemessen ist. Die Dialektik in der Natur ist beispielsweise eine andere als die Dialektik des Geistes, weswegen sich bei Hegel auch die operativen Begriffe und die Verben, mit denen er sich verschiedenen Gegenstandsbereichen zuwendet, leicht verändert. Auf diese gedoppelte Änderung von Inhalt und Form im Verlauf der Entwicklung des Systems gilt es zu achten.

 

  1. Was kann man dann aber als die Grundzüge der Dialektik angeben, um ein Mindestmaß an Orientierung zu geben? Das Wichtigste ist sicherlich, die „bestimmte Negation“ zu verstehen. Hierzu eine Passage aus der Wissenschaft der Logik: „Das Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen […] ist die Erkenntnis des logischen Satzes, daß das Negative ebensosehr positiv ist oder daß das sich Widersprechende sich nicht in Null, in das abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation eines besonderen Inhalts, oder daß eine solche Negation nicht alle Negation, sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somt bestimmte Negation ist; daß also im Resultate wesentlich das enthalten ist, woraus es resultiert. […] Indem das Resultierende, die Negation, bestimmte Negation ist, hat sie einen Inhalt. Sie ist ein neuer Begriff, aber der höhere, reichere Begriff als der vorhergehende; denn sie ist um dessen Negation oder Entgegengesetztes reicher geworden, enthält ihn also, aber auch mehr als ihn, und ist die Einheit seiner und seines Entgegengesetzten. – In diesem Wege hat sich das System der Begriffe überhaupt zu bilden…

Hier haben wir schon die wichtigsten Bestimmungen beisammen. Ein Begriff oder Sachverhalt kann nur bestimmt werden in Abgrenzung von anderen Begriffen oder Sachverhalten. Jene werden von diesen negiert, allerdings so, dass sie sich über ihren Gegensatz bestimmen und dessen Bedeutung aufgehoben haben (vom Begriff Aufhebung sagt Hegel übrigens, an ihm zeige sich das Dialektische auch in der Sprache, denn Aufhebung vereint zwei gegensätzliche Bedeutungen: Aufheben im Sinne von Vernichten, Negieren und Aufheben im Sinne von Bewahren, Erhalten). Damit werden also die vorher vom Verstand getrennt und isoliert betrachteten Begriffe oder Sachverhalte zu bloßen Momenten in einer Einheit, einer Relation.

Jetzt lassen sich auch die eigenen knappen Erläuterungen Hegels aus der Enzyklopädie besser verstehen. Dort schreibt er, die logische Bewegung habe drei Seiten: a) die abstrakte oder verständige, b) die dialektische oder negativ-vernünftige und c) die spekulative oder positiv-vernünftige Seite. Ich zitiere einmal die entsprechenden Stellen aus der Enzyklopädie:

 

zu a) „Das Denken als Verstand bleibt bei der festen Bestimmtheit und der Unterschiedenheit derselben gegen andere stehen.

 

zu b) „Das dialektische Moment ist das eigene Sichaufheben solcher endlichen Bestimmungen und ihr Übergehen in ihre entgegengesetzten.

 

zu c) „Das Spekulative oder Positiv-Vernünftige faßt die Einheit der Bestimmungen in ihrer Entgegensetzung auf, das Affirmative, das in ihrer Auflösung und ihrem Übergehen enthalten ist. Die Dialektik hat ein positives Resultat, weil sie einen bestimmten Inhalt hat…

 

Man beachte, dass Hegel hier den Begriff der Dialektik nur für einen Moment der ganzen logischen Bewegung verwendet und der Begriff der Spekulation für ihn das Höhere und Positive darstellt. Wer ausschließlich von Hegelscher Dialektik spricht, läuft Gefahr, in eine dualistische Auffassung zu verfallen und nur den Gegensatz zu sehen und nicht dessen Einheit.

Soviel zunächst zu Grundstrukturen der Dialektik oder, wie wir jetzt gesehen haben, der Spekulation. Wie sich diese konkret gestalten, ist wie gesagt immer abhängig von dem jeweiligen Gegenstandsbereich und der Stellung und der Entwicklungsstufe im Gesamtzusammenhang.

 

 

  1. Hilfsmittel und Sekundärliteratur

Vorausgesetzt, ihr habt einige der Hauptwerke Hegels gelesen und wollt euch ein noch tieferes Verständnis erarbeiten – was tun?

Als Nachschlagewerke eignen sich vor allem zwei Bücher: zum einen das von Paul Cobben u.a. herausgegebene „Hegel-Lexikon“ (Darmstadt, 2006), das die wichtigsten Begrifflichkeiten erklärt. Das Lexikon empfehle ich ausdrücklich aber erst, nachdem ihr bereits einiges von Hegel gelesen habt, denn die Einträge dort verwenden zur Erklärung der Begriffe Hegel’sches Vokabular, so dass man nicht einfach einen Eintrag lesen kann, ohne nicht zumindest eine Vorstellung der wichtigsten Ausdrücke und Kategorien zu haben, mit denen Hegel selbst sich den entsprechenden Begriff erschließt. Hat man allerdings bereits Grundkenntnisse, dann ist das Lexikon ein hervorragendes und kompetentes Nachschlagewerk und dient auch zur schnellen Auffrischung des eigenen Wissens. Auch für Referate oder Hausarbeiten an der Universität eignet es sich als Quelle. Zu Unrecht wird es nur selten in Seminaren verwendet.

Nicht lexikalisch, sondern als Fließtext verfasst und als Gesamtschau über Hegels Leben und Werk angelegt ist das „Hegel-Handbuch. Leben – Werk – Schule“ von Walter Jaeschke, einem der renommiertesten Hegel-Forscher weltweit. Anders als das mittlerweile vergriffene Lexikon findet sich das Handbuch in jeder gut sortierten Universitätsbuchhandlung. Es ist mit über 500 sehr klein und in 2 Spalten bedruckten Seiten eines der umfassendsten Bücher zu Hegel und gilt nach wie vor als Standard-Nachschlagwerk. Relevant ist es auf jeden Fall dafür, wenn man sich über den historischen, editorischen und inhaltlichen Kontext bestimmter Schriften informieren will. Die Stärken liegen in der Besprechung auch von Fragmenten und System-Entwürfen (vor allem aus der Jenaer Zeit), in den zahlreichen guten Literaturempfehlungen und in dem Abriß über die Schüler und Nachfolger Hegels. Eine wirklich kluge Interpretation der Hauptwerke gibt das Handbuch allerdings aus meiner Sicht nicht, da es sehr überblicksartig verfasst ist. Die 2. Auflage und Sonderausgabe aus dem Jahr 2010 ist besonders informativ.

Über den laufenden Stand der Forschung informiert man sich am besten in den beiden Periodika „Hegel-Studien“, in Verbindung mit der Arbeit an der historisch-kritischen Gesamtausgabe gegründet und mittlerweile von Birgit Sandkaulen und Michael Quante herausgegeben, erhältlich bei Meiner, und die „Hegel-Jahrbücher“ der Internationalen Hegel-Gesellschaft, herausgegeben von Brady Bowman, Myriam Gerhard und Jute Zovko. Letztere sind bei Duncker & Humblot erhältlich.

Für die Hauptwerke gibt es eine Handvoll sehr guter Kommentarbände aus der Reihe „Klassiker Auslagen“, in der die namhaftesten Forscher*innen das jeweilige Werk abschnittsweise kommentieren und interpretieren. Hervorzuheben ist hier vor allem der von Birgit Sandkaulen herausgegebene Band über die Vorlesungen über die Ästhetik, denn dass Hegel auch ein herausragender Kunst-Kenner und -Theoretiker war, ist in der Forschung oft etwas vernachlässigt worden. Die Bände schaffen einen sehr guten Spagat zwischen den Interpretationen unterschiedlicher Forscher*innen und einer Gesamtschau über das jeweilige Werk Hegels.

 

Schwieriger und noch viel unübersichtlicher ist die Lage bei der eigentlichen Sekundärliteratur, zumal Empfehlungen hier notwendigerweise noch subjektiver ausfallen müssen, da niemand mehr es vermag, sich einen Gesamtüberblick über alle zu Hegel erschienene Literatur zu verschaffen und diese auch noch kompetent zu beurteilen. Ich gebe daher nur fünf Tipps, die mir selbst im Verständnis und auch dem Erkennen von noch bestehenden Problemfeldern enorm weitergeholfen haben. Da ist zum einen eine geradezu monumentale Werk-Interpretation und -Kritik von Vittorio Hösle mit dem Titel „Hegels System. Der Idealismus der Subjektivität und das Problem der Intersubjektivität“ (2. Auflage, 1998). Es ist wohl das beste einzelne Buch, das ich über Hegels Philosophie gelesen habe, und jedem nur ans Herz zu legen, der die nötige Zeit hat, es durchzuarbeiten. Ein wesentlich kleinerer Band mit einer Handvoll spannender Aufsätze hat Dieter Henrich mit „Hegel im Kontext“ vorgelegt. Das Buch, bzw. die darin enthaltenen Aufsätze, haben eine enorme Wirkung ausgeübt und prägen die Rezeption von Hegel in Deutschland noch heute. Beginnend mit Hegel und Hölderlin und andere historische Voraussetzungen geht es über zu Anfang und Methode der Logik, zur Reflexion und dem Zufall. Schließlich endet es mit einer Betrachtung, inwiefern Karl Marx der „hegelianischste“ aller Hegel-Schüler war. Apropos: für Marxisten muss die Schrift von Sahra Wagenknecht Pflicht-Lektüre sein, die 1997 unter dem Titel „Vom Kopf auf die Füße? Zur Hegel-Kritik des jungen Marx, oder: Das Problem einer dialektisch-materialistischen Wissenschaftsmethode“ erschien. Sie räumt mit einigen der gängigen Vorurteilen gegenüber dem Idealismus Hegels auf und verweist darauf, dass gerade der junge Marx, den das 20. Jahrhundert mitunter gerne sowohl gegen Hegel als auch den späten Marx ausspielte, selbst noch so einige idealistisch zu nennende Voraussetzungen in seinem eigenen Denken hatte. Viertens sollte man für das politisch-historische Verständnis das Buch „Hegel und die Französische Revolution“ von Joachim Ritter lesen. Zuletzt und fünftens seien alle Aufsätze und Bücher von Dieter Wandschneider zu Hegels Naturphilosophie empfohlen. Der Naturphilosophie wird gegenwärtig ja fast alle Berechtigung abgesprochen und besonders die Natur-Auffassungen der deutschen Idealisten Kant, Schelling und Hegel gelten als hoffnungslos veraltet. Dass dem mitnichten so ist, kann Wandschneider in Bezug auf Hegel sehr deutlich zeigen. Insbesondere das Prinzip von Relativität ist ein bedeutendes Merkmal seiner Naturphilosophie und kann durchaus als Vorgriff auf die großen physikalischen Theorien des 20. Jahrhunderts gelesen werden.

 

 

  1. Online-Quellen

Das Internet ist auch in Bezug auf Hegel, was es auch generell ist: meist nützlich und informativ, oft aber unzuverlässig. Eine gesunde Skepsis ist angebracht, wenn man sich online über Hegel erkundigen und weiterbilden will. Nach Möglichkeit sollte man sich nur an Quellen orientieren, die auch im „real life“ wissenschaftlich anerkannt sind (und um hier selbst-reflexiv einmal darauf hinzuweisen: vertraut auch nicht vollends auf meine Ausführungen).

Fundiert und empfehlenswert ist beispielsweise der Online-Artikel über Hegel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy, auch wegen der Sekundärliteratur-Liste (die logischerweise eine Schlagseite gen englischsprachige Publikationen hat). Schon problematischer ist der Eintrag auf der Wikipedia, auch wenn mittlerweile die gröbsten Fehler beseitigt wurden. Am schlimmsten, um mal als Warnung ein Negativbeispiel zu nennen, ist der Beitrag auf der Website philolex.de – eine konfuse und teilweise völlig falsche Ansammlung von Informationen.

Nimmt man Suchmaschinen zu Hilfe, ist der erste Treffe zumeist die Website hegel-system.de. Ihr hervorstechendes Merkmal ist das große, farbige Dreieck auf der Startseite, die die Systemstruktur und Gliederung der Hegel’schen Philosophie in Logik, Natur und Geist anschaulich machen will. Man kann sich dann innerhalb des Dreiecks durch die einzelnen Bestandteile des Systems durchklicken und erfährt so immerhin die äußere Anordnung und Stellung bestimmter Gegenstandsbereiche, auch wenn das dazu verleitet, Hegels Methode als ein ewig sich in schematischen triadischen Bewegungen verlaufendes Modell vorzustellen. Nichtsdestotrotz schmückt das dort im Shop erwerbbare Poster mit all diesen ineinandergeschachtelten Dreiecken als eine Art farbigem Inhaltsverzeichnis der Enzyklopädie die Wohnungen vieler Hegelianer. Doch zurück zur Seite hegel-system.de, die trotz altbackenem Design wesentlich mehr zu bieten hat als nur formelle Dreiecken. Besonders hervorzuheben ist der Menüpunkt Artikel, worin thematisch sortiert sich eine Unmenge an wertvollen Fach-Beiträgen im Volltext finden lässt. Unbedingt mal reinschauen!

Erster wissenschaftlicher Anlaufspunkt ist hingegen die Webpräsenz der Internationalen Hegel-Gesellschaft. Alle zwei Jahre veranstaltet sie einen Internationalen Hegel-Kongress, ein etabliertes Forum des Austauschs renommierter Hegel-Forschenden. Die jeweiligen thematischen Schwerpunkte und manche Materialien finden sich auf der Homepage. Bis 2016 war im Übrigen Andreas Arndt Vorsitzender der Gesellschaft, seit drei Jahren wird sie von der Professorin Myriam Gerhard geleitet.  Die Mitgliederzahl liegt weltweit bei knapp 300. Es gibt weitere Gesellschaften und Vereine mit Hegel-Schwerpunkt (etwa das „Hegel-Institut“ in Berlin), die aber weniger der Rede wert sind als die erwähnte Gesellschaft.

Geht man von der hehren Wissenschaft wieder zurück auf ein ungemein profaneres Medium, dann kann man sich auch auf Twitter informieren, hier gibt es vor allem auf meinem Account „Daily Hegel“ regelmäßig Inhalte zu Ihr-wisst-schon-wem. Ein anderer User hat das Projekt eines Hegel-Lesekreises gestartet, das voraussichtlich Anfang 2020 anlaufen wird. Auch hier lohnt ein Blick für Interessierte.

 

Wer Hegel hören will, dessen erster Blick oder besser Klick geht wahrscheinlich auf YouTube. Abzuraten ist aber davon, sich einfach aufs geratewohl Einführungsvideos zu Hegel anzusehen, die zwar formell professionell gestaltet sein mögen, aber inhaltlich oft arg verkürzend und letztlich verfälschend informieren, etwa dieser Beitrag aus einer bekannten Audio-Reihe über Philosophie, in dem zum Beispiel ständig von These-Antithese-Synthese die Rede ist. Ein Hörspiel aus derselben Reihe ist dort auch zu finden, es verfehlt allerdings so sehr meinen Geschmack, dass ich es nicht mal verlinke. Schon besser ist der auch bebilderte Einführungs-Vortrag von Martin Grimsmann und Lutz Hansen (die beiden haben die oben erwähnte Seite hegel-system.de aufgebaut). Nervig sind hier allerdings die störenden Einwürfe aus dem Publikum und nicht nur deswegen habe nicht einmal ich die vollen drei Stunden bisher durchgeschafft.

Nun aber zu zwei absoluten Audio-Empfehlungen. Unter dem Motto „Half Hour Hegel“ hat der US-amerikanische Philosoph Gregory B. Sadler eine Video-Reihe kreiert, in der er die gesamte Phänomenologie in halbstündigen Abschnitten bespricht. Ein unfassbares Mammut-Projekt, das vor allem von der Expertise und der Ausdauer Sadlers lebt. Und ja, auch davon, dass er verdammt cool ist. Wenn es euch möglich ist, supportet ihn und guckt zum Einstieg vielleicht dieses kurze Making-of-Video.

Der zweite Insider-Tipp ist die Audio-Aufnahme einer großartigen Vorlesungsreihe namens „Hegel denken“ von Professorin Petra Gehring, die hier unter openlearnware zu finden ist. Die stark am Text und an den Denkstrukturen, nicht an einem vorgeblich feststehenden System Hegels orientierte Auslegung von Gehring ist das Beste, was man im Internet zu Hegel findet, und selbst an Universitäten dürfte diese Vorlesung ihresgleichen suchen.

Was bleibt? Um einmal ins offline-Leben zurückzukehren, so darf der Verweis auf das in Stuttgart beheimatete Hegel-Haus, ein dem Schwaben gewidmetes kleines Museum in seinem Geburtshaus, nicht fehlen. Ein Besuch dort kann erbaulich sein, erkenntnisstiftend ist er aber nicht. Hegel selbst, wenn er darauf verweisen wollte, dass nicht materielle Hinterlassenschaften, sondern nur der Geist zählt, zitierte immer gern Lukas 24,5: „Was suchet ihr den Lebenden bei den Toten?“ Lebendig aber, das ist und bleibt allein der Geist seiner Werke.

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