Bernd Schäfer: Schicksal und die Freiheit des Willens bei Epikur

Seit Menschen sich Gedanken über sich und die Welt machen, gibt es Versuche, Macht über das Schicksal zu bekommen. Sie ersannen verschiedene Kulturtechniken, die Vorhersagen zukünftiger Ereignisse ermöglichen sollten. Wir kennen knochenwerfende Schamanen, das Orakel von Delphi, die römischen Auguren, Astrologie und Tarot.

Einige dieser Orakel haben bis heute auch in weitestgehend aufgeklärten Milieus ihre Anhänger. Andere halten sie für ausgemachten Unsinn oder Aberglaube. Die Orakel setzen alle voraus, dass es ein unabwendbares Schicksal tatsächlich gibt. Alles was geschieht ist vorherbestimmt, sei es durch die Götter oder durch physikalische Gesetze. Und dann gibt es die Gegenannahme, die den Zufall für die entscheidende Kraft im Weltgeschehen hält. Besonders durch die Erkenntnisse der Quantenphysik bekommt diese Position Gewicht.

Der griechische Philosoph Epikur zeigte uns früh, wie philosophisch zentral die Frage ist, ob alles vorherbestimmt oder dem Zufall unterworfen ist. Der Sinn aller ethischer Fragestellungen und Urteile hängt davon ab. Er rückte den freien Willen ins Zentrum seiner Überlegungen. In diesem Beitrag zeige ich die Position der Deterministen, die Gegenposition der Indeterministen und Epikurs Position, die eine Synthese darstellt.

 

Determinismus

Wir müssen uns häufig entscheiden. Ob wir nun rechts oder links herum gehen, welches Produkt wir kaufen oder welchen Nachtisch wir essen. Könnten wir uns auch anders entscheiden, als so, wie wir uns entscheiden? Oder stehen unsere Entscheidungen bereits fest, bevor uns überhaupt bewusst ist, dass wir entscheiden müssen?

Die Position, dass alles vorherbestimmt ist und bei Bekanntsein aller Fakten auch vorausgesagt werden könnte, nennt sich Determinismus. Die Gesetze der klassischen Physik sind ausschließlich deterministische Gesetze. Gerade in der Mechanik lässt sich ein geschlossenes System gut vorauskalkulieren. Beobachtungen mechanischer Prozesse wurden schon früh vom Menschen genutzt und in technische Problemlösungen umgesetzt. Das Hebelgesetz wird unbewusst auch schon in der Steinzeit bekannt gewesen sein. Diese Erfolge waren es wohl, die die Vorstellung weckten, dass alles auf diese Art planbar und vorhersehbar ist. Das mechanistische Weltbild hält sich bis heute mit gutem Grund sehr hartnäckig und wird auch auf nicht-technische Bereiche übertragen. So stellt sich der physiologische Determinismus vor, dass die Handlungen von Personen durch körperliche Umstände determiniert sind. Gerade die Erfolge in der Genforschung erwecken den Eindruck, dass wir von Geburt an gewisse Anlagen haben. Bekannter ist der psychologische Determinismus, der die Auffassung vertritt, dass zumindest einige Handlungen von psychologischen Zuständen bestimmt werden.

Die Möglichkeit liegt nahe, dass unsere Vorstellung vom freien Willen nur eine Illusion ist und bei Bekanntsein wirklich aller Fakten, einschließlich so banaler Einflüsse wie die Fliege, die mir die Nase kitzelt, sich unsere Handlungen auch vorhersagen lassen. Vielleicht steht alles in den Sternen oder wird von einem Gott gelenkt oder die vor unserer Handlung bestehenden Umstände bestimmten unausweichlich unser Tun.

Aber welche Folgen hätte die Position, dass alles vorherbestimmt ist und wir in Wahrheit keine Entscheidungsgewalt über unsere Handlungen hätten, wenn bereits vor unserer Geburt feststand, was für eine Partei wir wählen? Ethische Fragen hätten keinen Sinn mehr. Ich bräuchte niemanden mehr zu loben oder zu tadeln, da er nichts anderes tun konnte als das, was er tat. Oder sollten wir doch bestrafen, um wiederum andere Personen in ihren Handlungen zu determinieren? Wenn der Determinismus wahr ist, entstehen also eine Menge Widersprüche.

 

Indeterminismus

Etwas ist zufällig und ohne Ursache da. Ich stelle im Folgenden kurz die Analyse der Kausalität von David Hume dar. Von Immanuel Kant erhielt er dafür die Anerkennung, dass er es war, der „…zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach…“ (Kant, Prolegomena, S. 6). Wenn wir Ereignisse in der Welt beobachten, so wissen wir von der Ursache dieser Phänomene. Hume fragte, woher wir dieses Wissen haben. Dabei bezweifelte er, dass es alleine durch rationale Überlegungen entstehen konnte. Von einem bisher völlig unbekanntem Phänomen kennen wir nicht die Ursache, bis wir sie bei wiederholtem Auftreten des Phänomens beobachten und damit in Verbindung bringen. In seinem berühmten Beispiel vom Billardspiel (vgl. Hume, Untersuchung, S. 40) wissen wir von der Reaktion einer Kugel, wenn sie durch eine andere Kugel angestoßen wird, nur durch Beobachtung. Die Reaktion einer Kugel auf die Kollision lässt sich nicht vorhersagen, wenn wir nur einen einzigen Fall kennen. Erst die Beobachtung einer Reihe von Kollisionen legt eine Verbindung zwischen der Kollision und der folgenden Bewegung der Kugel nahe. Eine andere oder gar gegenteilige Folge des Ereignisses ist dabei aber immer noch widerspruchsfrei denkbar.

Hume sprach damit ein Problem an, das später als das Induktionsproblem in der Philosophiegeschichte bekannt wurde. Die Induktion ist im Gegensatz zur Deduktion ein Schluss vom Einzelfall aufs Allgemeine. Das Allgemeine ist also nur eine Hypothese und nicht logisch notwendig, sondern nur wahrscheinlich. Die Kenntnis der Beziehung zwischen Ursache und Wirkung stammt demnach allein aus der Erfahrung und ist nicht rational begründet. „Ich wage es als einen allgemeinen und ausnahmelosen Satz hinzustellen, daß die Kenntnis dieser Beziehung in keinem Falle durch Denkakte a priori gewonnen wird; sondern daß sie ganz und gar aus der Erfahrung stammt, indem wir finden, daß gewisse Gegenstände beständig in Zusammenhang stehen.“ (Hume, Untersuchung, S. 37) Hume glaubt nicht, dass wir mit Denkakten a priori einen Grund finden, warum wir die beobachteten Folgen gegenüber den anderen widerspruchsfrei denkbaren Folgen einer Ursache bevorzugen sollten. Andere Reaktionen als die bisher beobachteten bleiben beim nächsten gleich gearteten Ereignis also denkbar, weshalb Hume schloss, dass jede Wirkung „ein von ihrer Ursache verschiedenes Ereignis“ (Hume, Untersuchung, S. 40) ist.

Diese Auffassung könnte uns auch einen Ansatz liefern, um die Entstehung von Orakeln zu erklären. Die Menschen beobachteten Ereignisse und setzten sie mit anderen Ereignissen in Beziehung. Vielleicht hat ein Schamane zweimal hintereinander durch Zufall die gleiche Knochenkonstellation geworfen und beide Male gab es zufälligerweise kurz darauf ein Unglück. Diese Konstellation war von nun an mit einer Bedeutung behaftet. Dies entspricht auch Epikurs Auffassung, dass Meinungen dadurch entstehen, indem wir subjektiv etwas zu den Sinneswahrnehmungen hinzutun. Wenn wir eine Sinneswahrnehmung verwerfen oder Meinungen ein gleiches Gewicht geben wie einer Sinneswahrnehmung, so besteht die Gefahr, jedes Kriterium zu verlieren, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. (vgl. Epikur, RS 24. in: Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 101)

Allein die Sinnesorgane zeigen uns keine Verbindung zwischen zwei Ereignissen, die anscheinend aufeinander folgen. Epikur begründet die Existenz des Zufalls mit einem Aspekt seiner Atomtheorie. Damit hebt er sich deutlich von Demokrits Atomtheorie ab, die noch von einem deterministischen Weltmodel ausging. Und auch die moderne Quantentheorie kommt ohne Ereignisse, die nicht verursacht sind, nicht aus. Aber auch im für Menschen wahrnehmbaren Teil der Welt kennen wir etwas, was uns als Zufall erscheint. Zum Beispiel statistische Aussagen über den Verlauf von Glücksspielen: Wenn ich 600 mal würfle, kann ich davon ausgehen, dass ich annähernd 100 mal eine Drei würfle. Das Ergebnis eines einzelnen Würfelwurfs scheint aber völlig unbestimmt. Auch in der Soziologie kann über eine Menschenmasse ziemlich genau eine Reaktion vorhergesagt werden. Der Einzelne ist aber meist unberechenbar.

Wir sehen an diesen Beispielen, dass es Bereiche gibt, in denen der Determinismus nicht zu gelten scheint. Was hätte das für Folgen für ethisches Urteilen? Bin ich für meine Taten verantwortlich, wenn sie zufällig geschehen? Offenbar bin ich in eine Sackgasse geraten. Ich bin nicht verantwortlich, wenn der Determinismus wahr ist, da mein Handeln vorherbestimmt ist, und ich bin nicht verantwortlich, wenn meine Handlungen zufällig geschehen. Das erscheint kurios, denn „Es gibt einen Unterschied zwischen einem Geschehen, das sich ohne jede Ursache einfach bloß ereignet, und einer Tat, die ohne jede Ursache einfach getan wird.“ (Nagel, Was bedeutet das alles? S. 48)

Zwischen diesen extremen Positionen, die ich zum Thema Willensfreiheit dargestellt habe, gibt es noch eine dritte Möglichkeit. Vieles geschieht als Folge einer Kette von Ereignissen, anderes geschieht ohne Ursache, aber unsere Handlungen können keinem der beiden Möglichkeiten zugerechnet werden. Wir haben eine Vorstellung vom freien Willen, und ich gehe davon aus, dass dies keine Illusion ist. Epikur würde von einem Vorbegriff sprechen, den wir von unserem eigenen Handeln haben.

 

Das Wahrheitskriterium „Vorbegriffe“

Sowohl die Vorstellung, dass wir in unserem Handeln determiniert sind, als auch, dass wir zufälligen Geschehnissen ausgeliefert sind, führen zu Beunruhigungen. Dies läuft aber den Zielen der epikureischen Philosophie entgegen.

Diese Zielorientierung Epikurs macht seine Position leicht angreifbar. Den Vorwurf nicht ergebnisoffen nach der Wahrheit zu fragen, müssen Epikureer sich gefallen lassen. Ziel Epikurs ist es, einen gleichförmigen ruhigen Zustand der Seele herbeizuführen. Das ist Epikurs Motiv, sich für eine dritte Möglichkeit stark zu machen. Es gibt sowohl notwendige Ereignisse, Zufälle als auch Handlungen, die in unserer Macht stehen. Obwohl diese Position unter dem Verdacht steht, nicht der puren Wahrheitssuche, sondern einem Zweck zu dienen, deckt sie sich mit dem subjektiven Eindruck Macht über eigene Handlungen zu haben.

Epikur appelliert dazu an den Vorbegriff, den wir von der Willensfreiheit einer Person haben. Vorbegriffe sind eines der Wahrheitskriterien in Epikurs Erkenntnistheorie. (vgl. Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 101 f.) Epikur empfiehlt, Worte auf die Dinge zurückzuführen, die den Worten zugrunde liegen. Wenn wir ein Wort hören oder lesen, können wir uns davon einen Begriff machen. Dies ist durchaus im modernen Sinne zu verstehen, nach der das Zeichen vom Bezeichneten unterschieden wird. Wir haben eine Idee im Kopf, wenn wir ein Wort hören, die aber nicht das Wort ist. Diese Idee ist aber nicht im platonischen Sinne zu verstehen. Epikureische Vorbegriffe haben ihren Ursprung in den Sinnesorganen, und ohne diese Vorbegriffe können keine weiteren Untersuchungen angestellt werden. Wir alle teilen einen Vorbegriff vom freien Handeln, ob wir nun Deterministen sind oder nicht. Wenn es dem Determinist nicht gelingt nachzuweisen, dass wir alle einem Irrtum verfallen sind, so muss der Vorbegriff gültig bleiben. Nach Epikur wäre das also ein Kriterium für die Wahrheit der Willensfreiheit.

 

Epikurs Atomtheorie

Ein weiteres Argument für die Existenz der Freiheit findet sich sowohl in Epikurs Atomtheorie als auch in der modernen Quantentheorie. Die kleinsten unteilbaren Teilchen bewegen sich in Demokrits Atomtheorie gleichförmig auf parallelen Bahnen nach unten. Wenn sie sich ausschließlich so bewegen würden, könnte es niemals Zusammenballungen geben, die die Gestirne und andere Gegenstände bilden. Das erkannte Epikur und entwickelte die Demokrit’sche Theorie weiter. Zusammenballungen müssen existieren, sonst gäbe es keine sicht- und greifbare Materie. Die Welten, und auch wir als Beobachter, würden nicht existieren. Damit sich Zusammenballungen bilden, müssen hin und wieder Teilchen ihre parallele Bahn verlassen und mit anderen zusammenstoßen, die dann wieder andere Atome anstoßen. Dies ereignet sich offenbar ohne Ursache (vgl. Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 29 – 60). Hier beschrieb Epikur vor fast 2.300 Jahren Zusammenhänge, die eine interessante Ähnlichkeit mit heutigen Erkenntnissen der Quantenphysik haben. Die Bewegung der kleinsten Teilchen ist nicht ausschließlich den Gesetzen der klassischen Mechanik unterworfen. Selbst wenn für eine Summe von Teilchen Masse, Geschwindigkeit und Vektor ihrer Bewegung vollständig bekannt wären, so könnte ihre weitere Bewegung nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden (vgl. Hey & Walters, Das Quantenuniversum. S. 33ff.). So ist auch die Halbwertzeit der radioaktiven Elemente nur ein statistischer Wert. Wie lange es dauert, bis die Hälfte der Atome einer bestimmten Masse zerfällt, ist bekannt. Wenn allerdings das einzelne Atom betrachtet wird, so lässt sich nicht vorhersagen, wann es zerfällt. Epikurs Atomtheorie baut auf Demokrits Entwurf auf, unterscheidet sich aber klar von Demokrits deterministischer Welterklärung. Epikur braucht die Bahnabweichungen, um zu erklären, wie es zur Zusammenballung der Atome kommt. Hat er sie erst einmal in seinem Weltmodell eingeführt, fällt es leicht, sie auch auf andere Bereiche wie das Handeln von Personen zu übertragen.

Von externen und internen Ursachen

 Vielen leuchtete die ursachenlose Bahnabweichung nicht ein (vgl. Cicero, De fato 21 – 25. in: Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 122). Aber stärker als die Einführung einer ursachenlosen Bahnabweichung ist auch die direkte Verteidigung eines freien Willens. Wenn wir sagen, wir wollen etwas ohne Ursache, dann meinen wir eigentlich, wir wollen etwas ohne äußere Ursache. Sicher gibt es für unseren Willen aber eine innere Ursache. Übertragen auf die atomare Ebene soll das bedeuten, dass kein Atom für seine Bahnabweichung ein anderes Atom benötigt, was es anstößt. Die Ursache für seine Abweichung liegt in ihm selbst. Es gehört einfach zu den Eigenschaften eines Atoms, hin und wieder abzuweichen. Übertragen auf handelnde Personen: Der freie Wille ist eine Eigenschaft des Menschen, er tut etwas ohne äußere Ursache.

Ob die Ursache nun außen oder innen liegt, Karneades spricht laut Cicero (s. ebd. S. 123) immer noch von einer Verursachung. Hier sieht es so aus, als wären wir immer noch einem Ursache-Wirkungs-Prinzip verhaftet, als wäre alles vorherbestimmt und das Ergebnis einer Kette von Ereignissen. Vielleicht sollten wir lieber von Gründen sprechen, die ich für den Willen zu einer Handlung habe. Ob diese Gründe für mich dann ausreichen, tatsächlich die Handlung auszuführen, entscheide ich aber selbst. Also: Wir handeln mit Gründen, sind aber nicht determiniert.

 

Die Selbstwiderlegung der Deterministen

Epikur legt noch ein weiteres Argument gegen den Determinismus vor. Er wirft den Deterministen vor, sich selbst zu widerlegen, indem ihr Handeln ihren Thesen widerspricht.

Epikur brachte diesen Widerspruch folgendermaßen auf den Punkt: „Wer erklärt, alles geschehe aufgrund von Notwendigkeit, hat keinen Grund, demjenigen Vorhaltungen zu machen, der erklärt, es geschehe nicht alles aufgrund von Notwendigkeit; denn wie er sagt, geschieht eben das aufgrund von Notwendigkeit.“ (Epikur, Sent. Vat. 40. in: Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 121)

Ähnlich wie bei der bereits erwähnten Sinnlosigkeit jeglichen Lobens und Tadelns wäre auch das Tadeln des Bestreiten des Determinismus für den Deterministen aus Notwendigkeit geschehen. Dass der Determinist aber trotzdem fortfährt, dem Gegner vorzuwerfen zu irren, wäre selbstwidersprüchlich. Der Determinist kann darauf erwidern, dass sein Eintreten für seinen Determinismus natürlich determiniert ist und er gar nicht anders handeln kann. Von seinem Gegner kann auch auf dieser neuen Ebene der Vorwurf, sich selbst zu widersprechen, wiederholt werden, worauf der Determinist seine Verteidigung, gezwungen zu sein zu tadeln, ebenfalls wieder vortragen kann – bis ins Unendliche. Epikur hält diesen unendlichen Regress nicht für einen Argumentationsfehler. (vgl. Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 126).

 

Folgen für die Aussagenlogik

Einen weiteren Aspekt in der Frage nach der Willensfreiheit liefert die klassische Logik. Wie Cicero erläutert, hat Chrysipp viel Kraft darauf verwandt zu zeigen, dass eine Aussage entweder wahr oder falsch ist (vgl. Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 122 und S. 125). Daraus schließt Chrysipp, dass für eine Aussage über ein Ereignis für alle Ewigkeit bereits sein Wahrheitswert feststeht und somit das Ereignis vorherbestimmt ist. Jede Disjunktion (Oder-Verknüpfung) wie Ciceros Beispiel Hermarchus lebt morgen oder er lebt morgen nicht kann im übertragenen Sinne zu einem Beweis für den Determinismus gemacht werden. Die Wahrheitstafel der Disjunktion zeigt uns, dass eine Oder-Verknüpfung genau dann wahr ist, wenn mindestens ein Teilsatz der Aussage wahr ist. Für obiges Beispiel lässt sich also sagen, dass eine Teilaussage also in jedem Fall determiniert ist.

Diese Festlegung gefährdet nun aber Epikurs Standpunkt. Seine Auffassung nach haben Aussagen über die Zukunft keinen Wahrheitswert. Oder aber, dass aus gegensätzlichen Aussagen gebildete Disjunktionen wahr sind, aber keine der Teilaussagen wahr ist. Letzteres ist nach Cicero eine Ungeheuerlichkeit (vgl. Cicero, De fato 37. in: Long & Sedley, Die hellenistischen Philosophen, S. 125).

Kommen wir zurück zum Lösungsvorschlag Epikurs, nach der Sätze über die Zukunft grundsätzlich keinen Wahrheitswert haben. Diese Lösung würde natürlich dem Grundprinzip der zweiwertigen Logik widersprechen, wurde aber im Problemkreis der semantischen Antinomien ebenfalls angewendet, um an sich unauflösbare Paradoxien zu vermeiden. Es gibt zweifelsohne Sätze, die keine Aussagen sind. Zum Beispiel Fragen, die natürlich keinen Wahrheitswert haben. Jetzt kommt es darauf an, wie ich „Aussagen“ definiere, aber Logik ist ohne solche Festlegungen nicht möglich.

Ergebnis

 Häufig sieht es bei der Frage nach der Existenz des freien Willens so aus, als wäre alles determiniert. Die Argumente der Gegner Epikurs wiegen schwer. Wenn wir zwischen externen Ursachen und internen Ursachen unterscheiden, haben wir noch das Problem, dass es stets eine Ursache für ein Ereignis gibt. Und die Erwiderung des Deterministen auf Epikurs Vorwurf, sich selbst zu widersprechen, führt zu der Behauptung, dass auch dieser Selbstwiderspruch vorherbestimmt sein könnte, ad infinitum.

Das Ziel epikureischer Philosophie ist jedoch auch in Bezug auf die Willensfreiheit erreicht. Die Vorstellung, dem Schicksal oder einer anderen vorbestimmenden Macht ausgeliefert zu sein, macht den Menschen Angst. Die krasse Gegenposition zu glauben, dass alles zufällig geschieht, hilft den Menschen auch nicht weiter. Nicht nur der Sinn jeglichen ethischen Urteils wird hinfällig, auch ein Leben frei von Ängsten wird nicht möglich sein.

Die Epikureer haben aber das Ziel, ein Leben frei von Ängsten zu führen. Epikur und seine Anhänger lieferten schon zu hellenistischer Zeit gewichtige Argumente, dass ein freier Wille existiert. Natürlich sind viele Ereignisse vorherbestimmt, vieles geschieht auch zufällig, aber alles andere hat der Mensch in der Hand und kann selbst über sein Schicksal bestimmen.

Epikur ist zu Recht vorzuwerfen, nicht ergebnisoffen zu philosophieren, da er immer das gute Leben, speziell die Freiheit von Ängsten, vor Augen hat. Ich neige aber trotzdem dazu, seiner Position zuzustimmen, da sie meinem intuitiven Lebensgefühl ähnelt, im Wesentlichen Macht über meine Handlungen zu haben.

  • von Bernd Schäfer, Twitter: @epikur404

Literatur:

Hey, Tony / Walters, Patrick: Das Quantenuniversum. Heidelberg 1998.

Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Stuttgart 1990.

Philosophisches Wörterbuch. Hrsg. von Georgi Schischkoff. Stuttgart 1991.

Literatur:

Long, A. A. / Sedley, D. N.: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare. Stuttgart 2000.

David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Ins Deutsche übersetzt von Raoul Richter. Hamburg 121993.

Immanuel Kant: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik. Hamburg 71993.

Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Stuttgart 1990.

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