Bernd Schäfer: Warum es die Welt nicht gibt. Zum Buch von Markus Gabriel.

„Die Philosophie beschäftigt sich auf wissenschaftliche Weise mit der Frage, was das Ganze eigentlich soll.“ Großartig. Das wäre ein guter erster Satz für dein Buch gewesen, Markus Gabriel, verheizt ihn jedoch als ersten Satz eines späten Kapitels. Als ersten Satz nimmst du lieber den – nicht als Zitat ausgewiesenen – Buchtitel eines meiner Jugendidole.

Als ich dein Buch zuerst in der Hand hielt, machte der Titel mich schon neugierig. Nach erstem Blättern bemerkte ich viel Mengenlehre; ich verlor das Interesse, dabei liegt in der Mengenlehre wahrscheinlich der Schlüssel zu einem tiefen Verständnis des Buches.

In der Zwischenzeit entwickelte sich aus Warum es die Welt nicht gibt jedoch einer der sehr raren philosophischen Bestseller und du bekamst viel Aufmerksamkeit durch die Medien. Schließlich wurde ich durch einen Twitter-Freund erneut neugierig auf dein Buch und beschaffte es mir.

Obwohl Warum es die Welt nicht gibt nicht ganz ohne Vorkenntnisse zu verstehen ist und sicher nicht zu den populärwissenschaftlichen Sachbüchern gehört, liest es sich leicht und ist auch oft witzig. Einzelne Passagen, wie dein Widerspruch gegen den Konstruktivismus, finde ich sehr gelungen.

Du erklärst uns in deinem Buch, warum es die Welt nicht gibt. Alles erscheine uns in Sinnfeldern und einige Phänomene vielleicht auch nur in Redefeldern. Einige Phänomene finden sich im Sinnfeld der Physik, aber viele Erscheinungen der menschlichen Existenz sind damit nicht beschreibbar und liegen in anderen Sinnfeldern, wie dem der Politik, dem der Kunst oder einem der unzähligen weiteren Sinnfeldern.

So soll die Welt auch nichts weiter als ein Bestandteil eines Sinnfeldes sein. Die Sinnfelder wiederum können nach herkömmlicher Auffassung nur Bestandteil der Welt sein, worin ein Widerspruch liegt. Ich verstehe dich so, dass du „Welt“ und „Universum“ begrifflich und faktisch gleichsetzt. Das Universum ist Bestandteil des Sinnfeldes für Gegenstände der Physik. Als Element einer Menge kann diese Menge wiederum nicht Teil des Universums sein — und schon sind wir bei der Mengenlehre. Die Begriffe werden so umgedeutet, dass sie zur zum Buchtitel passenden These passen. Natürlich kann ich die Welt nur von innen sehen, ich kann keinen Blick von Nirgendwo einnehmen und bin selbst nur Teil der Welt und sehe auch nur einen Ausschnitt der Welt. Wieso es die „Welt“ deswegen nicht geben soll, leuchtet mir nicht ein. Und zwar genau so, wie es mir nicht einleuchtet, dass Achilles die Schildkröte nicht überholen kann.

Ich fühle mich sehr stark an die Russellsche Antinomie und die Formulierung „Menge aller Mengen, die sich nicht selbst als Element enthalten“ erinnert. Du nimmst darauf leider keinen Bezug, obwohl der Vergleich naheliegt. Deine Theorie mit der Russellschen Antinomie abzugleichen, würde hier leider den Rahmen sprengen und meine eigenen Kenntnisse strapazieren, es wäre aber mindestens ein schönes Hausarbeitsthema. Ich vermute in diesem berühmten von Bertrand Russell 1901 entdeckten Paradoxon und den danach folgenden Lösungsangeboten den Schlüssel, um deiner Sinnfeldtheorie beizukommen.

In einem anderen Verlag hätte das Buch vielleicht den Titel Die Welt in Sinnfeldern bekommen und — wären Theorie und Text nicht darauf angelegt worden — zu dem Schluss zu kommen, die Welt gäbe es nicht. Auf mich macht das Buch den Eindruck, als wenn der Verlag, der immerhin ein Publikumsverlag ist, mit dem Titel an ein anderes philosophisches Buch desselben Verlags erinnern möchte: Warum Marx recht hat. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass du das Buch im Auftrag des Verlags auf diesen verkäuflichen Titel anzulegen hattest, um das Buch bei Ullstein verlegen zu können, bevor es mit einem seriöseren Titel in einem Fachverlag untergeht. Vielleicht hätte es mir dann aber uneingeschränkt gefallen.

von Bernd Schäfer, @epikur404

 

Wir freuen uns über Ihre Kommentare, Anregungen, Kritiken.

3 Comments

  1. Pingback: Epilog | epikur404
  2. Schon nach wenigen Seiten meiner Tractatus-Lektüre fiel mir auf, dass ich obigen Text noch ganz anders hätte angehen können. Der Tractatus kann vor dem Hintergrund der Mengenlehre intergretiert werden. Ich bleibe aber bei meinem Fazit: Über die Welt zu sprechen mag sinnlos sein, aber deshalb kann ich ihre Existenz nicht bestreiten.

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  3. „Ich verstehe dich so, dass du „Welt“ und „Universum“ begrifflich und faktisch gleichsetzt.“
    Sowohl im Buch selbst, als auch im Glossar trennt Gabriel den Begriff Welt klar vom Begriff des Universums.
    „Universum: Der experimentell erschließbare Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften.“ (S. 268)
    „Welt: Das Sinnfeld aller Sinnfelder, das Sinnfeld, in dem alle anderen Sinnfelder erscheinen.“ (S. 268)
    Somit wäre das Universum nur etwas, dass in einem von unendlich vielen Sinnfeldern erscheint und in der Welt erscheinen würde, würde es denn eine Welt geben.
    Eine fachliche Auseinandersetzung mit dem Neuen Realismus kannst du bei bestehendem Interesse in „Der Neue Realismus“ bekommen (ISBN: 978-3518296998) und die Konfrontation mit Kritik und eine Antwort von Gabriel findet man in „Neutraler Realismus: Jahrbuch-Kontroversen 2“ (ISBN: 978-3495488478)

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