Über die Philosophie komplexer Systeme

Komplexität – in der Philosophie? 

Was ist eigentlich „Komplexität“? Oft gebrauchen wir diesen Begriff, wie viele weitere auch, ohne genaueres Nachdenken. Die Aufgaben von Wissenschaftsphilosophen besteht gerade darin, Inhalte und Methoden anderer Wissenschaften zu reflektieren und darüber nachzudenken, welche Informationen wir über die Tätigkeit des Wissenschaftlers hinaus gewinnen können. Wenn wir eine Philosophie komplexer Systeme entwickeln wollen, also der Frage nach dem Wesen der Komplexität nachgehen, liegt die Notwendigkeit der Beschäftigung mit anderen Wissenschaften nahe. Welche Wissenschaft trifft auf welche Art Komplexität und welche Schwierigkeiten gehen damit einher? Der vorliegende Aufsatz basiert maßgeblich auf den Arbeiten von Micheal Strevens, einem renommierten Komplexitätsforscher der Philosophie. Strevens forscht und lehrt an der NYU, USA und befasst sich hauptsächlich mit wissenschaftlichen Erklärungen, komplexen Systemen und mit der Philosophie der Kognitionswissenschaften. Seine Arbeiten zur Komplexität sind im Oxford Handbook of Philosophy of Sciene zu finden. Die Kurzfassung dieses Aufsatzes soll lediglich einen Eindruck verschaffen und zum weiteren Nachdenken anregen. Es gibt auch andere Methoden als die hier vorgelegte, um in das Thema einzusteigen. Ich habe mich jedoch für einen möglichst leichten Einstieg entschieden, da es beim Thema „Komplexität“ so gut wie nichts gibt, was nicht genauer hinterfragt werden kann.

Komplexität – Was ist das? 

Im weitesten Sinne kann alles Mögliche als komplexes System verstanden werden, wie z.B. Steine, das Gehirn oder der Feierabendverkehr in Mainz. Sie alle haben nichts gemeinsam – zumindest die Systeme als solche. Fragen wir einen Geologen, würde er uns erklären, dass Steine keinen Kontakt mehr zu der Gesteinseinheit haben, der sie ursprünglichen angehörten. Eine Reihe verschiedener Vorgänge scheint also den Stein so aussehen zu lassen, wie wir ihn irgendwo beim Wandern wahrnehmen. Genauso ist der Feierabendverkehr in Mainz durch eine Reihe von Vorgängen entstanden, die die Komplexität eines Verkehrsstaus ausmachen. Ebenso sind wir uns alle darüber einig, dass das Gehirn offensichtlich ein komplexes System ist. Wenn nun der Versuch unternommen werden soll, eine Philosophie komplexer Systeme zu entwerfen, müssen wir uns die Frage stellen, worin Komplexität eigentlich besteht. Allein die Auseinandersetzung mit dem Begriff stellt uns vor großen Schwierigkeiten.

Von Mikro – Komplexität zur Makro – Einfachheit

Nehmen wir als erstes Beispiel Gase. Würden wir die Flugbahnen einzelner Moleküle innerhalb eines Gases bestimmen wollen, stünde man vor einer sehr schweren Aufgabe – auch wenn es Chemiker gibt, die jetzt sagen, dass das möglich ist [jedoch ist es alles andere als simpel] – dennoch sind die grundlegenden Informationen, die wir meistens über Gase haben wollen, viel einfacher zu beschreiben. Die meisten Gase lassen sich durch das ideale Gasgesetz beschreiben:
PV = NkT
P ist der Druck, V das Volumen, T ist die Temperatur und k die Boltzmann – Konstante, die grob vereinfacht besagt, dass sich der Makrozustand eines abgeschlossenen Systems proportional zur Anzahl der möglichen Mikrozustände verhält. In der statistischen Physik gehen wir also davon aus, dass sich Gase, trotz komplexer Mikro – Zustände, gleichmäßig im Raum verteilen. Sprechen wir von Makro – Einfachheit [im Gegensatz zur Mikro-Komplexität], sprechen wir auch von Makro – Stabilität.

 

Von der Einfachheit zur „sophistication“ – das Gehirn. 

Jetzt gibt es natürlich weitaus komplexere Systeme als Gase, z.B. unser Gehirn. Hier gibt es zwar denselben Vergleich von Mikro – Komplexität und Makro – Einfachheit, womit die Komplexität dieses faszinierenden Organs nicht einmal ansatzweise geklärt ist. Auch hier sind die Flugbahnen einzelner Moleküle äußerst schwierig zu bestimmen, wenn wir den Reiz von einer Nervenzelle zur anderen verfolgen würden – gebündelt als Ganzes können wir den Reiz jedoch erfolgreich beobachten bzw. messen. Nur hört es hier nicht auf – sondern alle Interaktionen zwischen diesen Makro – einfachen Reizen, Reaktionen und dergleichen, die im Gehirn vorgehen, bilden ein weiteres, höheres Maß an Komplexität – die gesamte Aktivität des Gehirns. Komplexe Systeme wie das Gehirn oder noch schwieriger zu durchdringende Systeme nennt man im Englischen „sophisticated systems“. Es lässt sich demzufolge folgendes feststellen: Betrachten wir das Gehirn, gibt es zunächst Mikro – Komplexität, diese führt uns gebündelt als Ganzes zur Makro – Einfachheit – und die Bündel Makro – einfacher Systeme lassen ein noch komplexeres System entstehen. Diese Feststellung lässt sich auf viele weitere Anwendungsbereiche übertragen: soziale Strukturen, Ökosysteme, Wirtschaftssysteme u.v.m.

 

Ausblick

Damit ist das Wesen der Komplexität natürlich noch nicht erfasst – es gibt uns jedoch einen Eindruck. Oft scheint es komplexe Systeme zu geben, die aus einfachen Bestandteilen aufgebaut sind. Die Interaktion oder die Wechselwirkung einfacher Konstituenten schafft erst die Komplexität innerhalb eines Systems. Interessant wird es, wenn wir uns fragen, ob wir Systeme tatsächlich tiefgehender verstehen und verinnerlichen können, wenn wir uns erst einmal bewusstwerden, wie seine Komplexität überhaupt entsteht. Abgesehen von Gasen, Gehirnen, sozialen Strukturen usw. könnten wir uns fragen:

Wie „komplex“ ist der Mensch?

Ich freue mich auf Ihre Meinungen, Anregungen, Kritiken.

5 Comments

  1. Der Mensch ist wie das Gehirn, soziale Strukturen, Ökosysteme, Wirtschaftssysteme ein komplexes System der komplexen Systeme.
    Und vielleicht macht genau diese Vielschichtigkeit und gegenseitige Abhängigkeit der einzelnen Strukturbestandteile es für den Menschen unmöglich, diese Komplexität zu begreifen.

    Gefällt 1 Person

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